Vereidigung von Abraham Lincoln

Am 4. d. M. hat Abraham Lincoln sein Amt als Präsident angetreten. Aus seiner Antrittrede theilen wir folgende Auszug mit:

„Unter den Bewohnern der südlichen Staaten scheint die Besorgnis zu herrschen, daß der Eintritt einer republikanischen Verwaltung ihr Eigenthum, ihren Frieden und ihre persönliche Sicherheit gefährden würde. Zu einer solchen Befürchtung ist nie eine vernünftige Ursache vorhanden gewesen. Ich berufe mich auf eine meiner früheren Reden, in der ich erklärte: „Es ist weder direkt noch indirekt mein Vorsatz, an der Einrichtung der Sklaverei in den Staaten, wo sie besteht zu rütteln“ (to interfere with). Ich glaube, ich habe dazu kein gesetzliches Recht, sowie ich keine Neigung dazu habe.
Diejenigen, von denen ich zur Bewerbung aufgefordert und erwählt worden bin, haben in der ‚Platform’ als Richtschnur für sich und mich folgende Beschlussfassungen aufgestellt: ‚Es ist resolvirt [sic!], daß die unverletzte Aufrechthaltung der Rechte der Staaten und namentlich der Rechte eines jeden Staates, seine häuslichen Einrichtungen nach eigenem Urtheil zu ordnen und zu beherrschen, ausschließlich wesentlich ist zu jenem Gleichgewicht der Macht, von welchem die Vollkommenheit und Dauerhaftigkeit unseres politischen Gebäudes abhängen. Die gesetzlose Invasion irgend eines Staates oder Territoriums durch eine bewaffnete Macht, sie geschehe unter was immer für einem Vorwande, verdammen wir als das schwerste Verbrechen.’
Ich wiederhole jetzt diese Erklärung und mache das Publikum dringend darauf aufmerksam, daß der Besitzstand, der Frieden und die Sicherheit keines Theils durch an das Ruder tretende Regierung gefährdet sind. Es herrscht viel Streit über die Auslieferung der Dienst- oder Arbeitsflüchtlinge. Folgende Bestimmung jedoch steht in klaren Worten in der Verfassung: „Keine Person, die in einem Staate nach den Gesetzen desselben zu Dienst oder Arbeit gehalten ist, soll, wenn sie in einen andern Staat entkommt, in Folge irgend eines Gesetzes oder einer Anordnung von solchem Dienst oder solcher Arbeit freigesprochen, sondern auf die Forderung desjenigen, der ein Recht auf solchen Dienst oder solche Arbeit haben mag, ausgeliefert werden“. An den Grundsatz, daß Sklaven, deren Fall in diese Kategorie gehört, auszuliefern sind, haben alle Kongreßmitglieder sich durch ihren Eid gebunden. Ich lege heute den Amtseid ab ohne geistigen Vorbehalt und ohne die Absicht, die Gesetze, oder die Verfassung nach irgend einer Ausnahmeregel zu deuten. Ich trete meinen Posten unter großen großen und eigenthümlichen Schwierigkeiten an. Die früher bedrohte Verfassung unserer liberalen Union ist jetzt furchtbar angegriffen. Ich halte dafür, daß im Hinblick auf unseren Gesamtstaat und dessen Verfassung die Union dieser Staaten eine permanente ist, und werde fortfahren alle ihre ausdrücklichen Bestimmungen zu vollstrecken.
Unsere nationale Verfassung und unsere Union dauert für immerdar. Kein Staat kann aus bloßem eigenem Antrieb die Union verlassen. Lostrennungsbeschlüsse und Verordnungen sind vor dem Gesetz null und nichtig, und wenn in einem Staat oder mehreren gegen die Autorität der vereinigten Staaten eine Gewalthandlung begangen wird, so ist dieselbe je nach dem Umständen aufständisch oder revolutionär. Ich sehe daher die Union als ungebrochen an und werde nach Kräften dafür Sorge tragen, daß die Gesetze der Union in allen Staaten zur vollen Ausführung gelangen. Ich hoffe zuversichtlich, daß man dies nicht als eine Drohung, sondern als erklärten Vorsatz, die Union aufrecht zu halten und mit verfassungsmäßigen Mitteln, zu verteidigen, betrachten wird.
Indem dies geschieht, soll kein Blutvergießen, keine Gewaltthätigkeit stattfinden, sofern nicht die nationale Obrigkeit dazu gezwungen wird. Die mir anvertraute Gewalt soll ausgeübt werden, um das Eigenthum und die Plätze, die der Regierung gehören, zu halten, zu besetzen und innezuhaben, so wie die auferlegten Steuern einzusammeln. Außer insofern es zu diesen Zwecken nothwendig ist, wird keine Invasion und kein Zwang stattfinden. Wo die Feindschaft gegen die vereinigten Staaten so groß und allgemein ist, daß sie die Bürger abhält, Aemter zu bekleiden, wird kein Versuch gemacht werden, dem Volke mißliebige Fremde aufzunöthigen. Die Postfelleisen werden, wenn man sie nicht zurückweist, nach wie vor nach allen Theilen der Union besorgt werden.
Ich vernehme, daß im Kongreß ein Amendement zur Verfassung durchgegangen ist, dahin lautend, daß die Bundesregierung niemals den häuslichen Einrichtungen der Staaten, einschließlich der Einrichtungen zum Dienst angehaltenen Personen, in den Weg treten soll. Ich will sagen, daß ich nichts dagegen habe, daß dieses Amendement zu einem ausdrücklichen und unwiderruflichen gemacht werde.“

Nachdem Herr Lincoln darauf alle Parteien angerufen hatte, den Gegenstand wohl und ruhig zu erwägen, schließt er mit den Worten: „In Euren Händen denn, unzufriedene Landsleute, und nicht in meinen liegt die folgenschwere Möglichkeit des Bürgerkrieges. Die Regierung wird Euch nicht angreifen, so daß Ihr in keinen Kampf geraten könnt, wenn Ihr nicht selbst die Angreifenden seid. Ihr habt keinen Eid vor dem Himmel geschworen die Regierung zu vernichten, während ich den feierlichen Eid abgelegt habe, sie zu schützen, zu vertheidigen. Ungern schließe ich so. Wir sind keine Feinde, sondern Freunde und dürfen nicht Feinde werden. Die Leidenschaft mag die Bande unserer Liebe angegriffen haben, darf sie aber nimmer zerreißen. Die geheimnisvollen Saiten der Erinnerung, die jedes Schlachtfeld und jedes Patriotengrab mit jedem lebenden Herzen in diesen unseren Landen verknüpfen, werden noch als Saiten der Union erklingen, wenn sie, wie dies gewiß ist, von den besseren Genien unserer Natur wieder angeschlagen werden.“
So oft Präsident Lincoln im Laufe seiner Rede con der Union sprach, ließ sich lebhafter Beifall vernehmen; 30.000 Personen waren zugegen; kein Lärm, keine Verwirrung oder Ruhestörung fand statt. Alles verlief friedlich. […]

Wiener Zeitung vom 24.03.1861, S. 1072f.

Der fürsorgliche Selbstmörder

Selbstmord eines Ingenieurs

In den Anlagen hinter der Börse hat sich heute Morgens nach 3 Uhr der 59jährige Ingenieur Vincenz Albrecht, Landstraße, Apostelgasse Nr. 22 wohnhaft gewesen, mit Cyankali vergiftet. Ein Brief, den man bei ihm fand, ist an die Polizei-Direction gerichtet. In dem Schreiben bezeichnet Albrecht ein unheilbares Leiden als Grund des Selbstmordes. Das tödliche Gift, Cyankali, habe er selbst erzeugt, und zwar in einer Quantität von zehn Litern. Bei einer behördlichen Untersuchung in seinem Loboratorium sei Vorsicht geboten, damit durch das Gift kein weiteres Unheil angerichtet werde. Albrecht war unverheiratet.

Neue Freie Presse, Wien, 26. März 1896.