Schopenhauer, Arthur (1788-1860): Über Schriftstellerei und Stil, Leipzig: Insel, 1938.

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Zuvörderst gibt es zweierlei Schriftsteller: solche, die der Sache wegen, und solche, die des Schreibens wegen schreiben. Jene haben Gedanken gehabt oder Erfahrungen gemacht, die ihnen mitteilenswert scheinen; diese brauchen Geld, und deshalb schreiben sie, für Geld. Sie denken zum Behuf des Schreibens. Man erkennt sie daran, daß sie ihre Gedanken möglichst lang ausspinnen und auch halbwahre, schiefe, forcierte und schwankende Gedanken ausführen, auch meistens das Helldunkel lieben, um zu scheinen, was sie nicht sind; weshalb ihrem Schreiben Bestimmtheit und volle Deutlichkeit abgeht. Man kann daher bald merken, daß sie, um Papier zu füllen schreiben: bei unsern besten Schriftstellern kann man es mitunter, z.B. stellenweise in Lessings „Dramaturgie“ und sogar in manchen Romanen Jean Pauls. Sobald man es merkt, soll man das Buch wegwerfen; denn die Zeit ist edel. Im Grunde aber betrügt der Autor den Leser, sobald er schreibt, um Papier zu füllen; denn sein Vorgeben ist, zu schreiben, weil er etwas mitzuteilen hat. – Honorar und Verbot des Nachdrucks sind im Grunde der Verderb der Literatur. Schreibenswertes schreibt nur, wer ganz allein der Sache wegen schreibt. Welch ein unschätzbarer Gewinn würde es sein, wenn in allen Fächern einer Literatur nur wenige, aber vortreffliche Bücher existierten. Dahin aber kann es nie kommen, solange Honorar zu verdienen ist. Denn es ist, als ob ein Fluch auf dem Gelde läge: jeder Schriftsteller wird schlecht, sobald er irgend des Gewinnes wegen schreibt. Die vortrefflichsten Werke der großen Männer sind alle aus der Zeit, als sie noch umsonst oder für ein sehr geringes Honorar schreiben mußten. Also auch hier bewährt sich das spanische Sprichwort: „Honra y provecho no caben en un saco.“ (Ehre und Geld gehn nicht in denselben Sack.) – Der ganze Jammer der heutigen Literatur in und außer Deutschland hat zur Wurzel das Geldverdienen durch Bücherschreiben. Jeder, der Geld braucht, setzt sich hin und schreibt ein Buch, und das Publikum ist so dumm, es zu kaufen. Die sekundäre Folge davon ist der Verderb der Sprache.

Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute gedruckt ist – die Journalisten. Treffend benannt! Verdeutscht würde es heißen „Tagelöhner“.

2

Wiederum kann man sagen, es gebe dreierlei Autoren: erstlich solche, welche schreiben, ohne zu denken. Sie schreiben aus dem Gedächtnis, aus Reminiszenzen oder gar unmittelbar aus fremden Büchern. Diese Klasse ist die zahlreichste. – Zweitens solche, die während des Schreibens denken. Sie denken, um zu schreiben. Sind sehr häufig. – Drittens solche die gedacht haben, ehe sie ans Schreiben gingen. Sie schreiben bloß, weil sie gedacht haben. Sind selten.

Jener Schriftsteller der zweiten Art, der das Denken bis zum Schreiben aufschiebt, ist dem Jäger zu vergleichen, der aufs Geratewohl ausgeht: er wird schwerlich sehr viel nach Hause bringen. Hingegen wird das Schreiben des Schriftstellers der dritten, seltenen Art einer Treibjagd gleichen, als zu welcher das Wild zum voraus eingefangen und eingepfercht worden, um nachher haufenweise aus solchem Behältnisse herauszuströmen in einen andern ebenfalls umzäunten Raum, wo es dem Jäger nicht entgehn kann; so daß er jetzt es bloß mit dem Zielen und Schießen (der Darstellung) zu tun hat. Dies ist die Jagd, welche etwas abwirft.

Sogar nun aber unter der kleinen Anzahl von Schriftstellern, die wirklich ernstlich und zum voraus denken, sind wieder nur äußerst wenige, welche über „die Dinge selbst“ denken: die übrigen denken bloß über Bücher, über das von andern Gesagte. Sie bedürfen nämlich, um zu denken, der nähern und stärkern Anregung durch fremde, gegebene Gedanken. Diese werden nun ihr nächstes Thema; daher sie stets unter dem Einflusse derselben bleiben, folglich nie eigentliche Originalität erlangen. Jene ersteren hingegen werden durch „die Dinge selbst“ zum Denken angeregt; daher ihr Denken unmittelbar auf diese gerichtet ist. Unter ihnen allein sind die zu finden, welche bleiben und unsterblich werden. – Es versteht sich, daß hier von hohen Fächern die Rede ist, nicht von Schriftstellern über das Branntweinbrennen.

Nur wer bei dem, was er schreibt, den Stoff unmittelbar aus seinem eigenen Kopf nimmt, ist wert, daß man ihn lese. Aber Büchermacher, Kompendienschreiber, gewöhnliche Historiker u. a. mehr nehmen den Stoff unmittelbar aus Büchern: aus diesen geht er in die Finger, ohne im Kopf auch nur Transitozoll und Visitation, geschweige Bearbeitung erlitten zu haben. (Wie gelehrt wäre nicht mancher, wenn er alles das wüßte, was in seinen eigenen Büchern steht!) Daher hat ihr Gerede oft so unbestimmten Sinn, daß man vergeblich sich den Kopf zerbricht, herauszubringen, was sie denn am Ende denken. Sie denken eben gar nicht. Das Buch, aus dem sie abschreiben, ist bisweilen ebenso verfaßt: also ist es mit dieser Schriftstellerei wie mit Gipsabdrücken von Abdrücken von Abdrücken usf., wobei am Ende der Antinous zum kaum kenntlichen Umriß eines Gesichts wird. Daher soll man Kompilatoren möglichst selten gelesen: denn es ganz zu vermeiden ist schwer; indem sogar die Kompendien, welche das im Laufe vieler Jahrhunderte zusammenbrachte Wissen im engen Raum enthalten, zu dem Kompilationen gehören.

Kein größerer Irrtum, als zu glauben, daß das zuletzt gesprochene Wort stets das richtigere, jeder später Geschriebene eine Verbesserung des früher Geschriebenen und jede Veränderung eine Fortschritt sei. Die denkenden Köpfe, die Menschen von richtigem Urteil und die Leute, denen es Ernst mit der Sache ist, sind alle nur Ausnahmen; die Regel ist überall in der Welt das Geschmeiß: und dieses ist stets bei der Hand und emsig bemüht, das von jenen nach reiflicher Überlegung Gesagte auf seine Weise zu verschlimmbessern. Daher, wer über einen Gegenstand sich belehren will, hüte sich, sogleich nur nach den neuesten Bücher darüber zu greifen, in der Voraussetzung, daß die Wissenschaften immer fortschreiten und daß bei Abfassung dieser die älteren benutzt worden seien. Das sind sie wohl; aber wie? Der Schreiber versteht oft die älteren nicht gründlich, will dabei doch nicht geradezu ihre Worte gebrauchen, verballhornt und verhunzt daher das von ihnen sehr viel besser und deutlicher Gesagte; da sie aus eigener und lebendiger Sachkenntnis geschrieben haben. Oft läßt er das Beste, was sie herausgebracht haben, ihre treffendsten Erklärungen der Sache, ihre glücklichsten Bemerkungen wieder fallen; weil er deren Wert nicht erkennt, das Prägnante derselben nicht fühlt. Ihm ist nur das Platte und Seichte homogen. – Schon oft ist ein älteres vortreffliches Buch durch neuere schlechtere, des Geldes wegen abgefaßte, aber prätentiös auftretende und durch die Kameraden angepriesene verdrängt worden. In den Wissenschaften will jeder, um sich geltend zu machen, etwas Neues zu Markte bringen: dies besteht oft bloß darin, daß er das bisher geltende Richtige umstößt, um seine Flausen an die Stelle zu setzen; bisweilen gelingt es auf kurze Zeit, und dann kehrt man zum alten Richtigen zurück. Jenen Neuerern ist es mit nichts in der Welt Ernst als mit ihrer werten Person: diese wollen sie geltend machen. Nun soll es schnell durch ein Paradoxon geschehn; die Sterilität ihrer Köpfe empfiehlt ihnen den Weg der Negation: nun werden längst anerkannte Wahrheiten geleugnet, z. B. die Lebenskraft, das sympathische Nervensystem, die generatio aequivoca [Urzeugung], Bichats Trennung der Wirkung der Leidenschaften von der der Intelligenz; es wird zum krassen Atomismus zurückgekehrt, usw., usw. Daher ist oft der Gang der Wissenschaften ein retrograder. – Hierher gehören auch die Übersetzer, welche ihren Autor zugleich berichtigen und bearbeiten, welches mit stets impertinent vorkommt. Schreibe du selbst Bücher, welche des Übersetzens wert sind, und laß andere Werke, wie sie sind. – Man lese also wo möglich die eigentlichen Urheber, Begründer und Erfinder der Sachen oder wenigstens die anerkannten großen Meister des Fachs und kaufe lieber die Bücher aus zweiter Hand als ihren Inhalt. Weil aber freilich „inventis aliquid addere facile est“ [zum Gefundenen etwas hinzuzufügen leicht ist], so wird man nach wohlgelegtem Grunde mit den neueren Zutaten sich bekanntzumachen haben. Im ganzen also gilt hier wie überall diese Regel: das Neue ist selten das Gute, weil das Gute nur kurze Zeit das Neue ist.

3

Was einem Briefe die Aufschrift, das soll einem Buche sein Titel sein, also zunächst den Zweck haben, dasselbe dem Teil des Publikums zuzuführen, welchem sein Inhalt interessant sein kann. Daher soll der Titel bezeichnend, und da er wesentlich kurz ist, konzis, lakonisch, prägnant und wo möglich ein Monogramm des Inhalts sein. Schlecht sind demnach die weitschweifigen, die nichtssagenden, die schielenden, zweideutigen oder gar falschen und irreführenden Titel, welche letztere ihrem Buche das Schicksal der falsch überschriebenen Briefe bereiten können. Die schlechtesten aber sind die gestohlenen Titel, d. h. solche, die schon ein andres Buch führt; denn sie sind erstlich ein Plagiat und zweitens der bündigste Beweis des allertotalsten Mangels an Originalität: denn wer deren nicht genug hat, seinem Buch einen neuen Titel zu ersinnen, wird noch viel weniger ihm einen neuen Inhalt zu geben fähig sein. Diesen verwandt sind die nachgeahmten, d. h. halbgestohlenen Titel, z. B. wenn lange, nachdem ich „Über den Willen in der Natur“ geschrieben habe, Örsted „Über den Geist in der Natur“ schreibt.

Wie wenig Ehrlichkeit unter den Schriftstellern ist, wird sichtbar an der Gewissenlosigkeit, mit der sie ihre Anführungen aus fremden Schriften verfälschen. Stellen aus meinen Schriften finde ich durchgängig verfälscht angeführt – und nur meine deklariertesten Anhänger machen hier eine Ausnahme. Oft geschieht die Verfälschung aus Nachlässigkeit, indem ihre trivialen und banalen Ausdrücke und Wendungen ihnen schon in der Feder liegen und sie solche aus Gewohnheit hinschreiben; bisweilen geschieht es aus Naseweisheit, die mich bessern will, aber nur zu oft geschieht es aus schlechter Absicht – und dann ist es eine schändliche Niederträchtigkeit und ein Bubenstück, der Falschmünzerei gleich, welches seinem Urheber den Charakter des ehrlichen Mannes ein für allemal wegnimmt.

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Ein Buch kann nie mehr sein als der Abdruck der Gedanken des Verfassers. Der Wert dieser Gedanken liegt entweder im Stoff, also in dem, worüber er gedacht hat, oder in der Form, d. h. der Bearbeitung des Stoffs, also in dem, was er darüber gedacht hat.

Das Worüber ist gar mannigfaltig, und ebenso die Vorzüge, welche es den Büchern erteilt. Aller empirische Stoff, also alles historisch oder physisch Tatsächliche, an sich selbst und im weitesten Sinne genommen, gehört hierher. Das Eigentümliche liegt dabei im Objekt; daher das Buch wichtig sein kann, wer auch immer der Verfasser sei.

Beim Was hingegen liegt das Eigentümliche im Subjekt. Die Gegenstände können solche sein, welche allen Menschen zugänglich und bekannt sind: aber die Form der Auffassung, das Was des Denkens erteilt hier den Wert und liegt im Subjekt. Ist daher ein Buch von dieser Seite vortrefflich und ohnegleichen, so ist es sein Verfasser auch. Hieraus folgt, daß das Verdienst eines lesenswerten Schriftstellers um so größer ist, je weniger es dem Stoffe verdankt, mithin sogar, je bekannter und abgenutzter dieser ist. So z. B. haben die drei großen griechischen Tragiker sämtlich denselben Stoff bearbeitet.

Also soll man, wenn ein Buch berühmt ist, wohl unterscheiden, ob wegen des Stoffes oder wegen der Form.

Ganz gewöhnliche und platte Menschen können vermöge des Stoffs sehr wichtige Bücher liefern, indem derselbe gerade nur ihnen zugänglich war, z. B. Beschreibungen ferner Länder, seltener Naturerscheinungen, angestellter Versuche, Geschichte, deren Zeuge sie gewesen oder deren Quellen aufzusuchen und speziell zu studieren sie Mühe und Zeit verwendet haben.

Hingegen wo es auf die Form ankommt, indem der Stoff jedem zugänglich oder gar schon bekannt ist, wo also nur das Was des Denkers über denselben der Leistung Wert geben kann, da vermag nur der eminente Kopf etwas Lesenswertes zu liefern. Denn die übrigen werden allemal nur das denken, was jeder andere auch denken kann. Sie geben den Abdruck ihres Geistes: aber von dem besitzt jeder schon selbst das Original.

Das Publikum jedoch wendet seine Teilnahme sehr viel mehr dem Stoff als der Form zu und bleibt ebendadurch in seiner höheren Bildung zurück. Am lächerlichsten legt es diesen Hang bei Dichterwerken an den Tag, indem es sorgfältig den realen Begebenheiten oder dem persönlichen Umständen des Dichters, welche ihnen zum Anlaß gedient haben, nachspürt; ja diese werden ihm zuletzt interessanter als die Werke selbst, und es liest mehr über als von Goethe und studiert fleißiger die Faustsage als den „Faust“. Und wenn schon Bürger sagt: „Sie werden gelehrte Untersuchungen anstellen darüber, wer die Lenore eigentlich gewesen“; so sehn wir dies an Goethe buchstäblich in Erfüllung gehn, da wir schon viel gelehrte Untersuchungen über den „Faust“ und die Faustsage haben. Sie sind und bleiben stoffartig. – Diese Vorliebe für den Stoff im Gegensatz der Form ist, wie wenn einer die Form und Malerei einer schönen hetrurischen Vase unbeachtet ließe, um den Ton und die Farben derselben chemisch zu untersuchen.

Das diesem schlechten Hange frönende Unternehmen, durch den Stoff zu wirken, wird absolut verwerflich in Fächern, wo das Verdienst ausdrücklich in der Form liegen soll – also in den poetischen. Dennoch sieht man häufig schlechte dramatische Schriftsteller bestrebt, mittelst des Stoffes das Theater zu füllen: so z. B. bringen sie jeden irgend berühmten Mann, so nackt an dramatischen Vorgängen sein Leben auch gewesen sein mag, auf die Bühne, ja bisweilen, ohne auch nur abzuwarten, daß die mit ihm auftretenden Personen gestorben seien.

Der hier in Rede stehend Unterschied zwischen Stoff und Form behauptet sogar hinsichtlich der Konversation sein Recht. Zu dieser nämlich befähigt einen Mann zunächst Verstand, Urteil, Witz und Lebhaftigkeit, als welche der Konversation die Form geben. Sodann aber wird bald der Stoff derselben in Betrachtung kommen, also das, worüber man mit dem Manne reden kann: seine Kenntnisse. Sind diese sehr gering, so kann nur ein ganz ungemein hoher Grad der obigen formellen Eigenschaften seiner Konversation Wert erteilen, indem diese alsdann hinsichtlich ihres Stoffes auf die allgemein bekannten menschlichen und natürlichen Verhältnisse und Dinge verwiesen ist. Umgekehrt steht es, wenn diese formellen Eigenschaften einem Manne fehlen, hingegen seine Kenntnisse irgendeiner Art seiner Konversation Wert erteilen, der aber alsdann gänzlich auf ihrem Stoff beruht, gemäß dem spanischen Sprichwort: „Ma’s sabe el necio en su casa, que el sabio en la ajena.“

5

Das eigentliche Leben eines Gedankens dauert nur, bis er an den Grenzpunkt der Worte angelangt ist: da petrifiziert er, ist fortan tot, aber unverwüstlich gleich den versteinerten Tieren und Pflanzen der Vorwelt. Auch dem des Kristalls im Augenblick des Anschießens kann man sein momentanes eigentliches Leben vergleichen.

Sobald nämlich unser Denken Worte gefunden hat, ist es schon nicht mehr innig noch im tiefsten Grunde ernst. Wo es anfängt, für andere dazusein, hört es auf, in uns zu leben; wie das Kind sich von der Mutter ablöst, wann es ins eigene Dasein tritt – sagt doch auch der Dichter: Ihr müßt nicht durch Widerspruch verwirren! Sobald man spricht, beginnt man schon zu irren. (Goethe, „Spruch, Widerspruch“)

6

Die Feder ist dem Denken was der Stock dem Gehn; aber der leichteste Gang ist ohne Stock, und das vollkommenste Denken geht ohne Feder vor sich. Erst wenn man anfängt, alt zu werden, bedient man sich gern des Stockes und gern der Feder.

7

Eine Hypothese führt in dem Kopfe, in welchem sie einmal Platz genommen hat oder gar geboren ist, ein Leben, welches insofern dem eines Organismus gleicht, als sie von der Außenwelt nur das ihr Gedeihliche und Homogene aufnimmt, hingegen das ihr Heterogene und Verderbliche entweder gar nicht an sich kommen läßt oder, wenn es ihr unvermeidlich zugeführt wird, es ganz unversehrt wieder exzerniert.

8

Die Satire soll gleich der Algebra bloß mit abstrakten und unbestimmten, nicht mit konkreten Werten oder benannten Größen operieren; und an lebendigen Menschen darf man sie sowenig wie die Anatomie ausüben – bei Strafe seiner Haut uns seines Lebens nicht sicher zu sein.

9

Um unsterblich zu sein, muß ein Werk so viele Trefflichkeiten haben, daß nicht leicht sich einer findet, der sie alle faßt und schätzt, jedoch allezeit diese Trefflichkeit von diesem, jene von jenem erkannt und verehrt wird; wodurch der Kredit des Werkes den langen Lauf der Jahrhunderte hindurch und bei stets wechselndem Interesse sich doch erhält, indem es bald in diesem, bald in jenem Sinne verehrt und nie erschöpft wird. – Der Urheber eines solchen aber, also der, welcher auf ein Bleiben und Leben noch bei der Nachwelt Anspruch hat, kann nur ein Mensch sein, der nicht bloß unter seinen Zeitgenossen, auf der weiten Erde, seinesgleichen vergeblich sucht und von jedem andern durch eine sehr merkliche Verschiedenheit augenfällig absticht; sondern der, wenn er sogar wie der Ewige Jude mehrere Generationen durchwanderte, sich dennoch im selben Falle befinden würde; kurz: von dem das Ariostische: „Lo fece natura e poi ruppe lo stampa“ [Ihn hat Natur geprägt und dann die Form zerbrochen; „Orlando furioso“ 10,84]; wirklich gilt. Denn sonst wäre nicht einzusehen, warum seine Gedanken nicht untergehen sollten wie alle andern.

10

Zu fast jeder Zeit ist, wie in der Kunst, so auch in der Literatur, irgendeine falsche Grundansicht oder Weise oder Manier im Schwange und wird bewundert. Die gemeinen Köpfe sind eifrig bemüht, solche sich anzueignen und sie zu üben. Der Einsichtige erkennt und verschmäht sie: er bleibt außer der Mode. Aber nach einigen Jahren kommt auch das Publikum dahinter und erkennt die Faxe für das, was sie ist, verlacht sie jetzt, und die bewunderte Schminke aller jener manierierten Werke fällt ab wie eine schlechte Gipsverzierung von der damit bekleideten Mauer: und wie diese stehn sie alsdann da. Nicht ärgern also, sondern freuen soll man sich, wenn irgendeine schon lange im stillen wirkende falsche Grundansicht einmal entschieden, laut und deutlich ausgesprochen wird: denn nunmehr wird das Falsche derselben bald gefühlt, erkannt und endlich ebenfalls ausgesprochen werden. Es ist damit, wie wenn ein Abszeß aufgeht.

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Gegen die gewissenlose Tintenkleckserei unserer Zeit und gegen die dennoch immer höher steigende Sündflut unnützer und schlechter Bücher sollen die Literaturzeitungen der Damm sein, indem solche (unbestechbar, gerecht und strenge urteilend) jedes Machwerk eines Unberufenen, jede Schreiberei, mittels welcher der leere Kopf dem leeren Beutel zu Hilfe kommen will, folglich wohl neun Zehntel aller Bücher, schonungslos geißelten und dadurch pflichtgemäß dem Schreibkitzel und der Prellerei entgegenarbeiteten, statt solche dadurch zu fördern, daß ihre niederträchtige Toleranz im Bunde steht mit Autor und Verleger, um dem Publiko Zeit und Geld zu rauben. In der Regel sind die Schriftsteller, Professoren oder Literaten, die bei niedrigen Gehältern und schlechten Honoraren aus Geldbedürfnis schreiben; da nun ihr Zweck eine gemeinsamer ist, so haben sie ein gemeinschaftliches Interesse, halten zusammen, unterstützen einander wechselseitig, und jeder redet dem andern das Wort: hieraus entspringen alle die lobenden Berichte über schlechte Bücher, welche den Inhalt der Literaturzeitungen ausmachen, deren Motto daher sein sollte: „Leben und leben lassen!“ (Und das Publikum ist so einfältig, lieber das Neue als das Gute zu lesen.) Ist oder war etwan eine unter ihnen, welche sich rühmen kann, nie die nichtswürdigste Schreiberei gelobt, nie das Vortreffliche getadelt und herabgesetzt oder verschmitzterweise, um die Blicke davon abzulenken, es als unbedeutend behandelt zu haben? Ist eine, welche stets die Auswahl des Anzuzeigenden gewissenhaft nach der Wichtigkeit der Bücher und nicht nach Gevatterrekommendationen, kollegiale Rücksichten oder gar Verlegerschmiergeld getroffen hat? Sieht nicht jeder, der kein Neuling ist, sobald er ein Buch stark gelobt oder sehr getadelt findet, fast mechanisch sogleich zurück nach der Verlegerfirma? Durchgängig wird im Interesse der Buchhändler statt in dem des Publikums rezensiert. Bestände hingegen eine Literaturzeitung wie die oben verlangte, so würde jedem schlechten Schriftsteller, jedem geistlosen Kompilator, jedem Abschreiber aus fremden Büchern, jedem hohlen, unfähigen, anstellungshungrigen Philosophaster, jedem verblasenen, eitelen Poetaster die Aussicht auf den Pranger, an welchem sein Machwerk nun bald und unfehlbar zu stehen hätte, die juckenden Schreibfinger lähmen, zum wahren Heil der Literatur, als in welcher das Schlechte nicht etwan bloß unnütz, sondern positiv verderblich ist. Nun aber sind die allermeisten Bücher schlecht und hätten sollen ungeschrieben bleiben; folglich sollte das Lob so selten sein, wie es jetzt unter dem Einfluß persönlicher Rücksichten und der Maxime: „Accedas socius, laudes, lauderis ut absens“ der Tadel ist. Es ist durchaus falsch, die Toleranz, welche man gegen stumpfe, hirnlose Menschen in der Gesellschaft, die überall von ihnen wimmelt, notwendig haben muß, auch auf die Literatur übertragen zu wollen. Denn hier sind sie unverschämte Eindringlinge, und hier das Schlechte herabzusetzen ist Pflicht gegen das Gute: denn wem nichts für schlecht gilt, dem gilt auch nichts für gut. Überhaupt ist in der Literatur die Höflichkeit, als welche aus der Gesellschaft stammt, ein fremdartiges, sehr oft schädliches Element; weil sie verlangt, daß man das Schlechte gut heißt und dadurch den Zwecken der Wissenschaft wie der Kunst gerade entgegenarbeitet. Freilich könnte eine Literaturzeitung, wie ich sie will, nur von Leuten geschrieben werden, in welchen unbestechbare Redlichkeit mit seltenen Kenntnissen und noch seltener Urteilskraft vereint wäre: demnach könnte ganz Deutschland allerhöchstens und kaum eine solche Literaturzeitung zustande bringen, die dann aber dastehen würde als ein gerechter Areopag und zu der jedes Mitglied von den sämtlichen andern gewählt sein müßte; statt daß jetzt die Literaturzeitungen von Universitätsgilden oder Literatencliquen, im stillen vielleicht gar von Buchhändlern zum Nutzen des Buchhandels betrieben werden und in der Regel einige Koalitionen schlechter Köpfe zum Nichtaufkommenlassen des Guten enthalten. Nirgends ist mehr Unredlichkeit als in der Literatur; das sagte schon Goethe, wie ich im „Willen in der Natur“ des näheren berichtet habe.

Vor allen Dingen daher müßte jedes Schild aller literarischen Schurkerei, die Anonymität, dabei wegfallen. In Literaturzeitungen hat zu ihrer Einführung der Vorwand gedient, daß sie den redlichen Rezensenten, den Warner des Publikums schützen sollte gegen den Groll des Autors und seiner Gönner. Allein gegen einen Fall dieser Art werden hundert sein, wo sie bloß dient, den, der, was er sagt, nicht vertreten kann, aller Verantwortlichkeit zu entziehen, oder wohl gar, die Schande dessen zu verhüllen, der feil und niederträchtig genug ist, für ein Trinkgeld vom Verleger ein schlechtes Buch dem Publiko anzupreisen. Oft auch dient sie bloß, die Obskurität, Unbedeutsamkeit und Inkompetenz des Urteilenden zu bedecken. Es ist unglaublich, welche Frechheit sich der Bursche bemächtigt und vor welchem literarischen Gaunereien sie nicht zurückbeben, wenn sie unter dem Schatten der Anonymität sich sicher wissen. – Wie es Universal-Medizinen gibt, so ist folgendes eine Universal-Antikritik gegen alle anonymen Rezensionen, gleichviel, ob sie das Schlechte gelobt oder das Gute getadelt haben: „Halunke, nenne dich! Denn vermummt und verkappt Leute anfallen, die mit offenem Angesicht einhergehen, das tut kein ehrlicher Mann: das tun Buben und Schufte. – Also: Halunke, nenne dich!“ Probatum est. (Es ist erprobt.)

Schon Rousseau hat in der Vorrede zur „Neuen Heloise“ gesagt: „Jeder ehrliche Mann setzt seinen Namen unter das, was er schreibt“, und allgemein bejahende Sätze lassen sich per contrapositionem [durch den Gegensatz] umkehren. Wie viel mehr noch gilt dies von polemischen Schriften, wie doch Rezensionen meistens sind! weshalb Riemer ganz recht hat, wenn er in seinen „Mitteilungen über Goethe“ sagt: „Ein offener dem Gesicht sich stellender Gegner ist ein ehrlicher, gemäßigter, einer, mit dem man sich verständigen, vertragen, aussöhnen kann; ein versteckter hingegen ist ein niederträchtiger feiger Schuft, der nicht soviel Herz hat, sich zu dem zu bekennen, was er urteilt, dem also nicht einmal etwas an seiner Meinung liegt, sondern nur an der heimlichen Freude, unerkannt und ungestraft sein Mütchen zu kühlen.“ Dies wird eben auch Goethes Meinung gewesen sein: denn sie sprach meistens Riemern. Überhaupt aber gilt Rousseaus Regel von jeder Zeile, die zum Drucke gegeben wird. Würde man es leiden, wenn ein maskierter Mensch das Volk harangieren oder sonst vor einer Versammlung reden wollte – und gar, wenn er dabei andere angriffe und mit Tadel überschüttete? Würden nicht alsbald seine Schritte zur Tür hinaus von fremden Fußtritten beflügelt werden?

Die in Deutschland endlich erlangte und sogleich auf ehrloseste mißbrauchte Pressefreiheit sollte wenigstens durch ein Verbot aller und jeder Anonymität und Pseudonymität bedingt sein, damit jeder für das, was er durch das weitreichende Sprachrohr der Presse öffentlich verkündet, wenigstens mit seiner Ehre verantwortlich wäre, wenn er noch eine hat, und wenn keine, damit sein Name seine Rede neutralisierte. Leute, die nicht anonym geschrieben haben, anonym anzugreifen, ist offenbar ehrlos. Ein anonymer Rezensent ist ein Kerl, der das, was er über andere und ihre Arbeit der Welt berichtet und respektive verschweigt, nicht vertreten will und daher sich nicht nennt. Und so etwas wird geduldet? Keine Lüge ist so frech, daß ein anonymer Rezensent sie sich nicht erlauben sollte: er ist ja nicht verantwortlich. Alles anonyme Rezensieren ist auf Lug und Trug abgesehen. Daher, wie die Polizei nicht zuläßt, daß man maskiert auf den Gassen gehe, sollte sie nicht leiden, daß man anonym schreibt. Anonyme Literaturzeitungen sind ganz eigentlich der Ort, wo ungestraft Unwissenheit über Gelehrsamkeit und Dummheit über Verstand zu Gericht sitzt und wo das Publikum ungestraft belogen, auch um Geld und Zeit durch Lob des Schlechten geprellt wird. Ist denn nicht die Anonymität die feste Burg aller literarischen, zumal publizistischen Schurkerei? Sie muß also eingerissen werden, bis auf den Grund, d. h. so, daß selbst jeder Zeitungsartikel überall vom Namen des Abfassers begleitet sein sollte, unter schwerer Verantwortlichkeit des Redakteurs für die Richtigkeit der Unterschrift. Dadurch würden, weil auch der Unbedeutendste doch in seinem Wohnorte gekannt ist, zwei Dritteile der Zeitungslügen wegfallen und die Frechheit mancher Giftzunge in Schranken gehalten werden. In Frankreich greift man eben jetzt die Sache so an.

In der Literatur aber sollten, solange jenes Verbot nicht existiert, alle redlichen Schriftsteller sich vereinigen, die Anonymität durch das Brandmark der öffentlich, unermüdlich und täglich ausgesprochenen äußersten Verachtung zu proskribieren und auf alle Weise die Erkenntnisse zur Geltung bringen, daß anonymes Rezensieren eine Nichtswürdigkeit und Ehrlosigkeit ist. Wer anonym schreibt und polemisiert, hat eo ipso die Präsumtion gegen sich, daß er das Publikum betrügen oder ungefährdet anderer Ehre antasten will. Daher sollte jede, selbst die ganz beiläufige und außerdem nicht tadelnde Erwähnung eines anonymen Rezensenten nur mittels Epitheta wie „der feige anonyme Lump da und da“ oder „der verkappte anonyme Schuft in jener Zeitschrift“ usf. geschehen. Dies ist wirklich der anständige und passende Ton, von solchen Gesellen zu reden, damit ihnen das Handwerk verleidet werde. Denn offenbar kann auf irgendwelche persönliche Achtung jeder doch nur insofern Anspruch haben, als er sehen läßt, wer er sei, damit man wisse, wen man vor sich habe; nicht aber, wer verkappt und vermummt einherschleicht und sich dabei unnütz macht: vielmehr ist ein solcher ipso facto vogelfrei. Er ist „durch die Tat selbst“, Mr. Nobody (Herr Niemand), und jedem steht es frei zu erklären, daß Mr. Nobody ein Schuft sei. Daher man jeden anonymen Rezensenten, besonders in Antikritiken, sogleich per Schuft und Hundsfott traktieren soll und nicht, wie einige von dem Pack besudelte Autoren aus Feigheit tun, mit „der verehrte Herr Rezensent“. „Ein Hundsfott, der sich nicht nennt!“ muß die Losung aller ehrlichen Schriftsteller sein. Und wenn nun nachmals einer sich das Verdienst erwirbt, so einem durch die Spießruten gelaufenen Gesellen die Nebelkappe abzuziehn und ihn, beim Ohr gefaßt, heranzuschleppen; so wird die Nachteule bei Tage großen Jubel erregen. – Bei jeder mündlichen Verleumdung, die man vernimmt, äußert der erste Ausbruch der Indignation in der Regel sich durch ein „Wer sagt das?“ – Aber da bleibt die Anonymität die Antwort schuldig.

Eine besonders lächerliche Impertinenz solcher anonymer Kritiker ist, daß sie wie die Könige per Wir sprechen, während sie nicht nur im Singular, sondern im Diminutiv, ja im Humilitiv reden sollten, z. B. „meine erbärmliche Wenigkeit, meine feige Verschmitztheit, meine verkappte Inkompetenz, meine geringe Lumpazität“ usw. So geziemt es sich verkappten Gaunern, diesen aus dem finsteren Loch eines „literarischen Winkelblatts“ herauszischenden Blindschleichen, zu reden, welchen das Handwerk endlich gelegt werden muß. Die Anonymität ist in der Literatur, was die materielle Gaunerei in der bürgerlichen Gemeinschaft ist. „Nenne dich, Lump, oder schweige!“ muß die Losung sein. – Bis dahin mag man bei Kritikern ohne Unterschrift sofort supplieren: Gauner. – Das Gewerbe mag Geld einbringen, aber Ehre bringt’s nicht ein. Denn bei Angriffen ist Herr Anonymus ohne weiters Herr Schuft, und Hundert gegen Eins ist zu wetten, daß, wer sich nicht nennen will, darauf ausgeht, das Publikum zu betrügen. Bloß anonyme Bücher ist man berechtigt anonym zu rezensieren. Überhaupt würden mit der Anonymität 99 / 100 aller literarischen Schurkereien wegfallen. Bis das Gewerbe proskribiert ist, sollte man bei entstehendem Anlaß sich an den Menschen, der die Butike hält (Vorstand und Unternehmer des anonymen Rezensions-Instituts), halten, ihn für das, was seine Löhnlinge gesündigt haben, unmittelbar selbst verantwortlich machen, und zwar in dem Tone, zu welchem sein Gewerbe uns das Recht gibt. – Ich meinesteils würde ebenso gern einer Spielbank oder einem Bordell vorstehen als so einer anonymen Rezensentenhöhle.

12

Für die Sünden eines anonymen Rezensenten soll man den Menschen, der das Ding herausgibt und redigiert, unmittelbar selbst so verantwortlich machen, asl hätte er es selbst geschrieben; wie man den Handwerksmeister für die schlechte Arbeit seiner Gesellen verantwortlich macht. Und dabei soll man mit jedem Kerl so umspringen, wie sein Gewerbe es verdient, ohne alle Umstände.

Anonymität ist literarische Gaunerei, der man gleich entgegen rufen soll_ „Willst du, Schuft, dich nict zu dem bekennen, was du gegen andere Leute sagst, so halte Dein Lästermaul!“

Eine anonyme Rezension hat nicht mehr Autorität, als ein anonymner Brief, und sollte daher mit demselben Mißtrauen, wie dieser, aufgenommen werden. Oder woll man etwan (sic!) den Namen des Menschen, der sich dazu hergibt, einer solchen recht eigenlichen société anonyme vorzustehn, als eine Bürgschaft für die Wahrhaftigkeit seiner Gesellen annehmen?

Wie wenig Ehrlichkeit unter den Schriftstellern ist, wird sichtbar an der Gewissenlosigkeit, mit der sie ihre Anführungen aus fremden Schriften verfälschen. Stellen aus meinen Schriften finde ich durchgängig verfälscht angeführt, . und nur meine deklariertesten Anhänger machen hier eine Ausnahme. Oft geschieht die Verfälschung aus Nachlässigkeit, indem ihre trivialen und banalen Ausdrücke und Wendungen ihnen schon in der Feder liegen und sie solche aus Gewohnheit hinschreiben; bisweilen geschieht es ause Naseweisheit, die mich bessern will; aber nur zu oft geschieht es aus schlechter Absicht, – und dann ist es eine schändliche Niederträchtigkeit und ein Bubenstück, der Falschmünzerei geleich, welches seinem Urheber den Charakter des ehrlichen Mannes ein für allemal wegnimmt.

13

Der Stil ist die Physiognomie des Geistes. Sie ist untrüglicher als die des Leibes. Fremden Stil nachahmen heißt eine Maske tragen. Wäre diese auch noch so schön, so wird sie durch das Leblose bald insipid und unerträglich, so daß selbst das häßlichste lebendige Gesicht besser ist. Darum gleichen denn auch die lateinisch schreibenden Schriftsteller, welche den Stil der Alten nachahmen, doch eigentlich den Masken: man hört nämlich wohl, was sie sagen, aber man sieht nicht auch dazu die Physiognomie, den Stil. Wohl aber sieht man diese in den lateinischen Schriften der Selbstdenker, als welche sich zu jener Nachahmung nicht bequemt haben, wie z. B. Scotus Erigena, Petrarca, Paco, Cartesius [Descartes], Spinoza, Hobes u. a. mehr.

Affektation im Stil ist dem Gesichterschneiden zu vergleichen. – Die Sprache, in welcher man schreibt, ist die Nationalphysiognomie: sie stellt große Unterschiede fest – von der griechischen bis zur karaibischen.

Stilfehler soll man in fremden Schriften entdecken, um sie in den eigenen zu vermeiden.

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Um über den Wert der Geistesprodukte eines Schriftstellers eine vorläufige Schätzung anzustellen, ist es nicht gerade notwendig, zu wissen, worüber oder was er gedacht habe (dazu wäre erfordert, daß man alle seine Werke durchläse), sondern zunächst ist es hinreichend, zu wissen, wie er gedacht habe. Von diesem Wie des Denkens nun, von dieser wesentlichen Beschaffenheit und durchgängigen Qualität desselben ist ein genauer Abdruck sein Stil. Dieser zeigt nämlich die formelle Beschaffenheit aller Gedanken eines Menschen, welche sich stets gleichbleiben muß, was und worüber er auch denken möge. Man hat daran gleichsam den Teig, aus dem er alle seine Gestalten knetet, so verschieden sie auch sein mögen. Wie daher Eulenspiegel dem Fragenden, wie lange er bis zum nächsten Orte noch zu gehen habe, die scheinbar ungereimte Antwort gab: „Gehe!“, in der Absicht, erst aus seinem Gange zu ermessen, wie weit er in einer gegebenen Zeit kommen würde; so lese ich aus einem Autor ein paar Seiten und weiß dann schon ungefähr, wie weit er mich fördern kann.

Im stillen Bewußtsein dieses Bewandtnisses der Sache sucht jeder Mediokre seinen ihm eigenen und natürlichen Stil zu maskieren. Dies nötigt ihn zunächst, auf alle Naivität zu verzichten, wodurch diese das Vorrecht der überlegenen und sich selbst fühlenden, daher mit Sicherheit auftretenden Geister bleibt. Jene Alltagsköpfe nämlich können schlechterdings sich nicht entschließen, zu schreiben, wie sie denken, weil ihnen ahndet, daß alsdann das Ding ein gar einfältiges Ansehn erhalten könne. Es wäre aber immer doch etwas. Wenn sie also nur ehrlich zu Werke gehn und das Wenige und Gewöhnliche, was sie wirklich gedacht haben, so, wie sie es gedacht haben, einfach mitteilen wollten; so würden sie lesbar und sogar in der ihnen angemessenen Sphäre belehrend sein. Allein statt dessen streben sie nach dem Schein, viel mehr und tiefer gedacht zu haben, als der Fall ist. Sie bringen demnach, was sie zu sagen haben, in gezwungenen, schwierigen Wendungen, neu geschaffenen Wörtern und weitläufigen, um den Gedanken herumgehenden und ihn verhüllenden Perioden vor. Sie schwanken zwischen dem Bestreben, denselben mitzuteilen, und dem, ihn zu verstecken. Sie möchten ihn so aufstutzen, daß er ein gelehrtes oder tiefsinniges Ansehn erhielte, damit man denke, es stecke viel mehr dahinter, als man zur Zeit gewahr wird. Demnach werfen sie ihn bald stückweise hin in kurzen, vieldeutigen und paradoxen Aussprüchen, die viel mehr anzudeuten scheinen, als sie besagen (herrliche Beispiele dieser Art liefern Schellings Naturphilosophische Schriften); bald wieder bringen sie ihren Gedanken unter einem Schwall von Worten vor mit der unerträglichsten Weitschweifigkeit, als brauchte es wunder welche Anstalten, den tiefen Sinn desselben verständlich zu machen – während es ein ganz simpler Einfall, wo nicht gar eine Trivialität ist (Fichte in seinen populären Schriften und hundert elende nicht nennenswerte Strohköpfe in ihren philosophischen Lehrbüchern liefern Beispiele in Fülle); oder aber die befleißigen sich irgendeiner beliebig angenommenen, vornehm sein sollenden Schreibart, z. B. einer so recht schlechthin gründlichen und wissenschaftlichen, wo man dann von der narkotischen Wirkung lang gesponnener Gedankenleerer Perioden zu Tode gemartert wird (Beispiele hiervon geben besonders jene unverschämtesten aller Sterblichen, die Hegelianer, in der Hegelzeitung, vulgo: „Jahrbücher der wissenschaftlichen Literatur“); oder gar, sie haben es auf eine geistreiche Schreibart abgesehn, wo sie dann verrückt werden zu wollen scheinen, und dergleichen mehr. Alle solche Bemühungen, durch welche sie das „Nascetur ridiculus mus“ hinauszuschieben suchen, machen es oft schwer, aus ihren Sachen herauszubringen, was sie denn eigentlich wollen. Zudem aber schreiben sie auch Worte, ja ganze Perioden hin, bei denen sie selbst nichts denken, jedoch hoffen, daß ein anderer etwas dabei denken werde. Allen solchen Anstrengungen liegt nichts anderes zum Grunde als das unermüdliche, stets auf neuen Wegen sich versuchende Bestreben, Worte für Gedanken zu verkaufen und mittelst neuer oder in neuem Sinne gebrauchter Ausdrücke, Wendungen und Zusammensetzungen jeder Art den Schein des Geistes hervorzubringen, um den so schmerzlich gefühlten Mangel desselben zu ersetzen. Belustigend ist es, zu sehn, wie zu diesem Zwecke bald diese, bald jene Manier versucht wird, um sie als eine den Geist vorstellende Maske vorzunehmen, welche dann auch wohl auf eine Weile die Unerfahrenen täuscht, bis auch sie eben als tote Maske erkannt, verlacht und dann gegen eine andere vertauscht wird. Da sieht man die Schriftsteller bald dithyrambisch wie besoffen und bald, ja schon auf der nächsten Seite, hochtrabend, ernst, gründlich-gelehrt bis zur schwerfälligsten, kleinkauendesten Weitschweifigkeit gleich der des weiland Christian Wolff, wiewohl im moderneren Gewande. Am längsten aber hält die Maske der Unverständlichkeit vor, jedoch nur in Deutschland, als wo sie, von Fichte eingeführt, von Schelling vervollkommnet, endlich in Hegel ihren höchsten Klimax erreicht hat – stets mit glücklichstem Erfolge! Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht, wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß jeder sie verstehn muß. Das Unverständliche ist dem Unverständigen verwandt, und allemal ist es unendlich wahrscheinlicher, daß eine Mystifikation als daß ein großer Tiefsinn darunter verborgen liegt. Alle oben angeführten Künste nun aber macht die wirkliche Anwesenheit des Geistes entbehrlich; denn sie erlaubt, daß man sich zeige, wie man ist, und bestätigt allezeit den Anspruch des Horaz:

„Scribendi recte sapere est et principium et fons.“

Jene aber machen es wie gewisse Metallarbeiter, welche hundert verschiedene Kompositionen versuchen, die Stelle des einzigen, ewig unersetzlichen Goldes zu vertreten. Vielmehr aber sollte ganz im Gegenteil ein Autor sich vor nichts mehr hüten als vor dem sichtbaren Bestreben, mehr Geist zeigen zu wollen, als er hat; weil dies im Leser den Verdacht erweckt, daß er dessen sehr wenig habe, da man immer und in jeder Art nur das affektiert, was man nicht wirklich besitzt. Ebendeshalb ist es ein Lob, wenn man einen Autor naiv nennt, indem es besagt, daß er sich zeigen darf, wie er ist. Überhaupt zieht das Naive an; die Unnatur hingegen schreckt überall zurück. Auch sehn wir jeden wirklichen Denker bemüht, seine Gedanken so rein, deutlich, sicher und kurz wie nur möglich auszusprechen. Demgemäß ist Simplizität stets ein Merkmal nicht allein der Wahrheit, sondern auch des Genies gewesen. Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken, statt daß bei jenen Scheindenkern die Gedanken durch den Stil schön werden sollen. Ist doch der Stil der bloße Schattenriß des Gedankens: undeutlich oder schlecht schreiben heißt dumpf oder konfus denken.

Daher nun ist die erste, ja schon für sich allein beinahe ausreichende Regel des guten Stils diese, daß man etwas zu sagen habe: o, damit kommt man weit! Aber die Vernachlässigung derselben ist ein Grundcharakterzug der philosophischen und überhaupt aller reflektierenden Schriftsteller in Deutschland, besonders bei Fichte. Allen solchen Schreibern nämlich ist anzumerken, daß sie etwas zu sagen scheinen wollen, während sie nichts zu sagen haben. Diese durch die Pseudophilosophen der Universitäten eingeführte Weise kann man durchgängig und selbst bei den ersten literarischen Notabilitäten der Zeitperiode beobachten. Sie ist die Mutter des geschrobenen, vagen, zweideutigen, ja vieldeutigen Stils, imgleichen des weitläufigen und schwerfälligen, des stile empese‘, nicht weniger des unnützen Wortschwalls, endlich auch des Versteckens der bittersten Gedankenarmut unter ein unermüdliches, klappermühlenhaftes, betäubendes Gesalbader, daran man stundenlang lesen kann, ohne irgendeines deutlich ausgeprägten und bestimmten Gedankens habhaft zu werden. Von dieser Art und Kunst liefern jene berüchtigten „Halleschen“, nachher „Deutschen Jahrbücher“ fast durchweg auserlesen Muster. Wer etwas Sagenswertes zu sagen hat, braucht es nicht in preziöse Ausdrücke, schwierige Phrasen und dunkle Allusionen zu verhüllen, sondern er kann es einfach, deutlich und naiv aussprechen und dabei sicher sein, daß es seine Wirkung nicht verfehlen wird. Daher verrät durch obige Kunstmittel, wer sie braucht, seine Armut an Gedanken, Geist und Kenntnissen. – Inzwischen hat die deutsche Gelassenheit sich gewöhnt, dergleichen Wortkram jeder Art Seite nach Seite zu lesen, ohne sonderlich zu wissen, was der Schreiber eigentlich will: sie meint eben, das gehöre sich so, und kommt nicht dahinter, daß er bloß schreibt, um zu schreiben. Ein guter, gedankenreicher Schriftsteller hingegen erwirbt sich bei seinem Leser bald den Kredit, daß er im Ernst und wirklich etwas zu sagen habe, wann er spricht: und dies gibt dem verständigen Leser die Geduld, ihm aufmerksam zu folgen. Ein solcher Schriftsteller wird auch, eben weil er wirklich etwas zu sagen hat, sich stets auf die einfachste und entschiedenste Weise ausdrücken; weil ihm daran liegt, gerade den Gedanken, den er jetzt hat, auch im Leser zu erwecken und keinen andern. Demnach wird er mit Boileau sagen dürfen:

Ma pense’e au grand jour partout s’offre et s’expose,

Et mon vers, bien ou mal, dit toujours quelqu chose;

während von jenen vorher Geschilderten das „Et qui parlant beaucoup ne disent jamais rien“ desselben Dichters gilt. Zur Charakteristik derselben gehört nun auch dies, daß sie wo möglich alle entschiedenen Ausdrücke vermeiden, um nötigenfalls immer noch den Kopf aus der Schlinge ziehen zu können: daher wählen sie in allen Fällen den abstrakteren Ausdruck, Leute von Geist hingegen den konkreteren, weil dieser die Sache der Anschaulichkeit näher bringt, welche die Quelle aller Evidenz ist. Jene Vorliebe für das Abstrakte läßt sich durch viele Beispiele belegen: ein besonders lächerliches aber ist dieses, daß man in der deutschen Schriftstellerei dieser letzten zehn Jahre fast überall, wo „bewirken“ oder „verursachen“ stehen sollte, „bedingen“ findet; weil dies, als abstrakter und unbestimmter, weniger besagt (nämlich „nicht ohne dieses“ statt „durch dieses“) und daher immer noch Hintertürchen offenläßt, die denen gefallen, welchen das stille Bewußtsein ihrer Unfähigkeit eine beständige Furcht vor allen entschiedenen Ausdrücken einflößt. Bei andern jedoch wirkt hier bloß der nationale Hang, in der Literatur jede Dummheit, wie im Leben jede Ungezogenheit, sogleich nachzuahmen, welcher durch das schnelle Umsichgreifen beider belegt wird; während ein Engländer bei dem, was er schreibt, wie bei dem, was er tut, sein eigenes Urteil zu Rate zieht: dies ist im Gegenteil niemandem weniger nachzurühmen als dem Deutschen. Infolge des besagten Hergangs sind die Worte „bewirken“ und „verursachen“ aus der Büchersprache der letzten zehn Jahre fast ganz verschwunden, und überall ist bloß von „bedingen“ die Rede. Die Sache ist des charakteristisch Lächerlichen wegen erwähnenswert.

Man könnte die Geistlosigkeit und Langweiligkeit der Schriften der Alltagsköpfe sogar daraus ableiten, daß sie immer nur mit halbem Bewußtsein reden, nämlich den Sinn ihrer eigenen Worte nicht selbst eigentlich verstehn, da solche bei ihnen ein Erlerntes und fertig Aufgenommenes sind; daher sie mehr die ganzen Phrasen als die Worte zusammengefügt haben. Hieraus entspringt der sich charakterisierende fühlbare Mangel an deutlich ausgeprägten Gedanken, weil eben der Prägestempel zu solchen, das eigene klare Denken, ihnen abgeht: statt ihrer finden wir ein unbestimmtes dunkles Wortgewebe, gangbare Redensarten, abgenutzte Wendungen und Modeausdrücke. Infolge davon gleicht ihr nebliges Geschreibe einem Druck mit schon oft gebrauchten Typen. Leute von Geist hingegen reden in ihren Schriften wirklich zu uns, und daher vermögen sie uns zu beleben und zu unterhalten: nur sie stellen die einzelnen Worte mit vollem Bewußtsein, mit Wahl und Absicht zusammen. Daher verhält ihr Vortrag sich zu dem der oben Geschilderten wie ein wirklich gemaltes Bild zu einem mit Schablonen verfertigten: dort nämlich liegt in jedem Wort wie in jedem Pinselstrich spezielle Absicht; hier hingegen ist alles mechanisch aufgesetzt. Denselben Unterschied kann man in der Musik beobachten. Denn überall ist es stets die Allgegenwart des Geistes in allen Teilen, welche die Werke des Genies charakterisiert: sie ist der von Lichtenberg bemerkten Allgegenwart der Seele Garricks in allen Muskeln seines Körpers analog.

In Hinsicht auf die oben angeregte Langweiligkeit der Schriften ist jedoch die allgemeine Bemerkung beizubringen, daß es zwei Arten von Langweiligkeit gibt: eine objektive und eine subjektive. Die objektive entspringt allemal aus dem hier in Rede stehenden Mangel, also daraus, daß der Autor gar keine vollkommen deutlichen Gedanken oder Erkenntnisse mitzuteilen hat. Denn wer solche hat, arbeitet auf seinen Zweck, die Mitteilung derselben, in gerader Linie hin, liefert daher überall deutlich ausgeprägte Begriffe und ist sonach weder weitschweifig noch nichtssagend noch konfus, folglich nicht langweilig. Selbst wenn sein Grundgedanke ein Irrtum wäre, so ist er in solchem Fall doch deutlich gedacht und wohl überlegt, also wenigstens formell richtig, wodurch die Schrift immer noch einigen Wert behält. Hingegen ist aus denselben Gründen eine objektiv langweilige Schrift allemal auch sonst wertlos. – Die subjektive Langweiligkeit hingegen ist eine bloß relative: sie hat ihren Grund im Mangel an Interesse für den Gegenstand beim Leser; dieser aber in irgendeiner Beschränktheit desselben. Subjektiv langweilig kann daher auch das Vortreffliche sein, nämlich diesem oder jenem; wie umgekehrt auch das Schlechteste diesem oder jenem subjektiv kurzweilig sein kann, weil der Gegenstand oder der Schreiber in interessiert.

Den deutschen Schriftstellern würde durchgängig die Einsicht zustatten kommen, daß man zwar wo möglich denken soll wie ein großer Geist, hingegen dieselbe Sprache reden wie jeder andere. Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge: aber sie machen es umgekehrt. Wir finden sie nämlich bemüht, triviale Begriffe in vornehme Worte zu hüllen und ihre sehr gewöhnlichen Gedanken in die ungewöhnlichsten Ausdrücke, die gesuchtesten, preziösesten und seltsamsten Redensarten zu kleiden. Ihre Sätze schreiten beständig auf Stelzen einher. Hinsichtlich dieses Wohlgefallens am Bombast, überhaupt am hochtrabenden, aufgedunsenen, preziösen, hyperbolischen und akrobatischen Stile ist ihr Typus des Fähnrich Pistol, dem sein Freund Falstaff einmal ungeduldig zuruft: „Sage, was du zu sagen hast, wie ein Mensch aus dieser Welt!“ – Liebhabern von Beispielen widme ich folgende Anzeige: „Nächstens erscheint in unserm Verlage: Theoretisch-praktisch wissenschaftliche Physiologie, Pathologie und Therapie der unter dem Namen der Blähungen bekannten pneumatischen Phänomene, worin diese in ihrem organischen und kausalen Zusammenhang, ihrem Sein und Wesen nach, wie auch mit allen sie bedingenden, äußeren und inneren genetischen Momenten in der ganzen Fülle ihrer Erscheinungen und Betätigungen sowohl für das allgemeinmenschliche als für das wissenschaftliche Bewußtsein systematisch dargestellt werden: eine freie, mit berichtigenden Anmerkungen und erläuternden Exkursen ausgestattete Übertragung des französischen Werkes: L’art de peter“.

Für „stile empese`“ findet man im Deutschen keinen genau entsprechenden Ausdruck, desto häufiger aber die Sache selbst. Wenn mit Preziosität verbunden, ist er in Büchern, was im Umgang die affektierte Gravität, Vornehmheit und Preziosität, und ebenso unerträglich. Die Geistesarmut kleidet sich gern darin, wie im Leben die Dummheit in die Gravität und Formalität.

Wer preziös schreibt, gleicht dem, der sich herausputzt, um nicht mit dem Pöbel verwechselt und vermengt zu werden – eine Gefahr, welche der Gentleman auch im schlechtesten Anzuge nicht läuft. Wie man daher an einer gewissen Kleiderpracht und dem „tire` a` quatre e`pingles“ den Plebejer erkennt, so am preziösen Stil den Alltagskopf.

Nichtsdestoweniger ist es ein falsches Bestreben, geradezu so schreiben zu wollen, wie man redet. Vielmehr soll jeder Schriftstil eine gewisse Spur der Verwandtschaft mit dem Lapidarstil tragen, der ja ihrer aller Ahnherr ist. Jenes ist daher so verwerflich wie das Umgekehrte, nämlich reden zu wollen, wie man schreibt; welches pedantisch und schwer verständlich zugleich herauskommt.

Dunkelheit und Undeutlichkeit des Ausdrucks ist allemal und überall ein sehr schlimmes Zeichen. Denn in 99 Fällen unter 100 rührt sie her von der Undeutlichkeit des Gedankens, welche selbst wiederum fast immer aus einem ursprünglichen Mißverhältnis, Inkonsistenz und also Unrichtigkeit desselben entspricht. Wenn in einem Kopfe ein richtiger Gedanke aufsteigt, strebt er schon nach der Deutlichkeit und wird sie bald erreichen: das deutlich Gedachte aber findet leicht seinen angemessenen Ausdruck. Was ein Mensch zu denken vermag, läßt sich auch allemal in klaren, faßlichen und unzweideutigen Worten ausdrücken. Die, welche schwierige, dunkele, verflochtene, zweideutige Reden zusammensetzen, wissen ganz gewiß nicht recht, was sie sagen wollen, sondern haben nur ein dumpfes, nach einem Gedanken erst ringendes Bewußtsein davon: oft aber auch wollen sie sich selber und andern verbergen, daß sie eigentlich nichts zu sagen haben. Sie wollen, wie Fichte, Schelling und Hegel, zu wissen scheinen, was sie nicht wissen, zu denken, was sie nicht denken, und zu sagen, was sie nicht sagen. Wird denn einer, der etwas Rechtes mitzuteilen hat, sich bemühen, undeutlich zu reden oder deutlich? – Schon Quintilian sagt es: Plerumque accidit, ut sint ad intellegendum et lucidiora multo, quae e doctorissimo quoque dicunter … Erit ergo etiam abscurior, quo quisque deterior.“

Imgleichen soll man nicht sich rätselhaft ausdrücken, sondern wissen, ob man eine Sache sagen will oder nicht. Die Unentschiedenheit des Ausdrucks macht deutsche Schriftsteller so ungenießbar. Eine Ausnahme gestatten allein die Fälle, wo man etwas in irgendeiner Hinsicht Unerlaubtes mitzuteilen hat.

Wie jedes Übermaß einer Einwirkung meistens das Gegenteil des Bezweckten herbeiführt, so dienen zwar Worte, Gedanken faßlich zu machen, jedoch auch nur bis zu einem gewissen Punkt. Über diesen hinaus angehäuft, machen sie die mitzuteilenden Gedanken wieder dunkler und immer dunkler. Jenen Punkt zu treffen ist Aufgabe des Stils und Sache der Urteilskraft: denn jedes überflüssige Wort wirkt seinem Zwecke gerade entgegen. In diesem Sinne sagt Voltaire: „L` adjectif est lènnemi du substantif.“ Aber freilich suchen viele Schriftsteller gerade unter dem Wortüberfluß ihre Gedankenarmut zu verbergen.

Demgemäß vermeide man alle Weitschweifigkeit und alles Einflechten unbedeutender, der Mühe des Lesens nicht lohnender Bemerkungen. Man muß sparsam mit der Zeit, Anstrengung und Geduld des Lesers umgehen: dadurch wird man bei ihm sich den Kredit erhalten, daß, was dasteht, des aufmerksamen Lesers wert ist und seine darauf zu verwendende Mühe belohnen wird. Immer noch besser, etwas Gutes wegzulassen, als etwas Nichtssagendes hinzusetzen. Hier findet das Hesiodische „Die Hälfte ist mehr als das Ganze“ seine rechte Anwendung. Überhaupt: nicht alles sagen! „Le secret pur e`tre ennuyeux, cèst do tout dire.“: Voltaire. Also wo möglich lauter Quintessenzen, lauter Hauptsachen, nichts, was der Leser allein denken würde. – Viele Worte machen, um wenige Gedanken mitzuteilen, ist überall das untrügliche Zeichen der Mittelmäßigkeit, das des eminenten Kopfes dagegen, viele Gedanken in wenige Worte zu schließen.

Die Wahrheit ist nackt am schönsten und der Eindruck, den sie macht, um so tiefer, als ihr Ausdruck einfacher war; teils, weil sie dann das ganze durch keinen Nebengedanken zerstreute Gemüt des Hörers ungehindert einnimmt; teils, weil er fühlt, daß er hier nicht durch rhetorische Künste bestochen oder getäuscht ist, sondern die ganze Wirkung von der Sache selbst ausgeht. Z. B. welche Deklamation über die Nichtigkeit des menschlichen Daseins wird wohl mehr Eindruck machen als Hiobs: „Homo natus de muliere brevi vivit tempore repletus multis miseriis, qui tanquam flos egreditur et conteritur et fugit velut umbra.“ – Ebendaher steht die naive Poesie Goethes so unvergleichlich höher als die rhetorische Schillers. Daher auch die starke Wirkung mancher Volkslieder. Deshalb nun hat man, wie in der Baukunst vor der Überladung mit Zieraten, in den redenden Künsten sich vor allem nicht notwendigen rhetorischen Schmuck, allen unnützen Amplifikationen und überhaupt vor allem Überfluß im Ausdruck zu hüten, also sich eines keuschen Stiles zu befleißigen. Alles Entbehrliche wirkt nachteilig. Das Gesetz der Einfachheit und Naivität, da diese sich auch mit dem Erhabensten verträgt, gilt für alle schönen Künste.

Alle Formen nimmt die Geistlosigkeit an, um sich dahinter zu verstecken: sie verhüllt sich in Schwulst, in Bombast, in den Ton der Überlegenheit und Vornehmheit und in hundert andere Formen: nur an die Naivität macht er sich nicht, weil sie hier sogleich bloß stehn und bloße Einfältigkeit zu Markte bringen würde. Selbst der gute Kopf darf noch nicht naiv sein; da er trocken und mager erscheinen würde. Daher bleibt die Naivität das Ehrenkleid des Genies, wie Nacktheit das der Schönheit.

Die echte Kürze des Ausdrucks besteht darin, daß man überall nur sagt, was sagenswert ist, hingegen alle weitschweifigen Auseinandersetzungen dessen, was jeder selbst hinzudenken kann, vermeidet, mit richtiger Unterscheidung des Nötigen und Überflüssigen. Hingegen soll man nie der Kürze die Deutlichkeit, geschweige die Grammatik zum Opfer bringen. Den Ausdruck eines Gedankens schwächen oder gar den Sinn einer Periode verdunkeln oder verkümmern, um einige Worte weniger hinzusetzen, ist beklagenswerter Unverstand. Gerade dies aber ist das Treiben jener falschen Kürze, die heutzutage im Schwange ist und darin besteht, daß man das Zweckdienliche, ja das grammatisch oder logisch Notwendige wegläßt. In Deutschland sind die schlechten Skribenten jetziger Zeit von ihr wie von einer Manie ergriffen und üben sie mit unglaublichem Unverstande. Nicht nur, daß sie, um ein Wort zu ersparen und zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, ein Verb oder ein Adjektiv mehreren und verschiedenen Perioden zugleich, ja nach verschiedenen Richtungen hin dienen lassen, welche man nun alle, ohne sie zu verstehn und wie im dunkeln tappend, durchzulesen hat, bis endlich das Schlußwort kommt und uns ein Licht darüber aufsteckt; sondern noch durch mancherlei andere ganz ungehörige Wortersparnisse suchen sie das hervorzubringen, was ihre Einfalt sich unter Kürze des Ausdrucks und gedrungener Schreibart denkt. So werden sie durch ökonomische Weglassung eines Wortes, welches mit einem Male Licht über eine Periode verbreitet hätte, diese zu einem Rätsel machen, welches man durch wiederholtes Lesen aufzuklären sucht. Insbesondere sind die Partikeln „wenn“ und „so“ bei ihnen proskribiert und müssen überall durch Vorsetzung des Verbi ersetzt werden, ohne die nötige, für Köpfe ihres Schlages freilich auch zu subtile Diskrimination, wo diese Wendung passend sei und wo nicht; woraus denn oft nicht nur geschmacklose Härte und Affektation, sondern auch Unverständlichkeit erwächst. Damit verwandt ist ein jetzt allgemein beliebter Sprachschnitzer, den ein Beispiel am besten zeigt: um zu sagen, „käme er zu mir, so würde ich ihm sagen“ usw., schreiben neun Zehntel der heutigen Tintenkleckser: „würde er zu mir kommen, ich sagte ihm“ usw., welches nicht nur ungeschickt, sondern falsch ist; da eigentlich nur eine fragende Periode mit „würde“ anfangen darf, ein hypothetischer Satz aber höchstens nur im Präsens, nicht im Futuro. Aber ihr Talent in der Kürze des Ausdrucks geht nun einmal nicht weiter, als die Worte zu zählen und auf Pfiffe zu denken, irgendeines oder auch nur eine Silbe um jeden Preis auszumerzen. Ganz allein hierin suchen sie die Gedrungenheit des Stils und Kernhaftigkeit des Vortrags. Demnach wird jede Silbe, deren logischer oder grammatischer oder euphonischer Wert ihrem Stumpfsinn entgeht, hurtig weggeschnitten, und sobald ein Esel eine solche Heldentat vollbracht hat, folgen hundert andre nach, die es ihm mit Jubel nachtun. Und nirgends eine Opposition – keine Opposition gegen die Dummheit, sondern hat einer eine rechte Eselei gemacht, bewundern sie die andern und beeilen sich, sie nachzumachen! Demzufolge haben diese unwissenden Tintenkleckser in den 1840er Jahren aus der deutschen Sprache das Perfekt und Plusquamperfekt ganz verbannt, indem sie beliebter Kürze halber solche überall durch das Imperfekt ersetzen, so daß dieses das einzige Präteritum der Sprache bleibt, auf Kosten nicht etwan bloß aller feinen Richtigkeit oder auch nur aller Grammatizität der Phrase; nein, oft auf Kosten alles Menschenverstandes, indem barer Unsinn daraus wird. Daher ist unter allen jenen Sprachverhunzungen diese die niederträchtigste, da sie die Logik und damit den Sinn der Rede angreift: sie ist eine linguistische Infamie. Ich wollte wetten, daß aus diesen letzten zehn Jahren sich ganze Bücher vorfinden, in denen kein einziges Plusquamperfektum, ja vielleicht auch kein Perfektum vorkommt. Meinen die Herrn wirklich, daß Imperfekt und Perfekt dieselbe Bedeutung haben, daher man sie promiscue, eines wie das andere, gebrauchen könne? – Wenn sie dies meinen, muß man ihnen eine Stelle in Tertia verschaffen. Was würde aus den alten Autoren geworden sein, wenn sie so liederlich geschrieben hätten? Beinahe ausnahmslos wird dieser Frevel gegen die Sprache ausgeübt in allen Zeitungen und größtenteils auch die gelehrten Zeitschriften; indem, wie schon erwähnt, in Deutschland jede Dummheit in der Literatur und jede Ungezogenheit im Leben Scharen von Nachahmern findet und keiner wagt, auf eigenen Beinen zu stehen; weil eben, wie ich nicht bergen kann, die Urteilskraft nicht zu Hause ist, sondern bei den Nachbarn, auf Visiten. – Durch die besagte Exstirpation jener zwei wichtigen Temporum sinkt eine Sprache fast zum Range der allerrohesten herab. Das Imperfekt-statt-Perfekt-Setzen ist eine Sünde nicht bloß gegen die deutsche, sondern gegen die allgemeine Grammatik aller Sprachen. Es täte daher not, daß man eine kleine Sprachschule für deutsche Schriftsteller errichtete, in welcher der Unterschied zwischen Imperfektum, Perfektum und Plusquamperfektum gelehrt würde, nächstdem auch der zwischen Genitiv und Ablativ; da immer allgemeiner dieser statt jenes gesetzt und ganz unbefangen z. B. „das Leben von Leibniz“ und „der Tod von Andreas Hofer“ statt „Leibnizens Leben“, „Hofers Tod“ geschrieben wird. Wie würde in andern Sprachen ein solcher Schnitzer aufgenommen werden? Was würden z. B. die Italiener sagen, wenn ein Schriftsteller „di“ und „da“ (d. i. Genitiv und Ablativ) vertauschte! Aber weil im Französischen diese Partikeln alle beide durch das dumpfe, stumpfe „de“ vertreten werden und die moderne Sprachkenntnis deutscher Bücherschreiber nicht über ein geringes Maß Französisch hinauszugehn pflegt, glauben sie jene französische Armseligkeit auch der deutschen Sprache aufheften zu dürfen und finden wie bei Dummheiten gewöhnlich Beifall und Nachfolge. Aus demselben würdigen Grunde wird, weil im Französischen die Präposition „pour“ armutshalber den Dienst von vier oder fünf deutschen Präpositionen versehen muß, von unsern hirnlosen Tintenklecksern überall „für“ gesetzt, wo „gegen“, „um“, „auf“ oder sonst eine Präposition oder auch gar keine stehn sollte, um nur das Französische „pour, pour“ nachzuäffen; womit es so weit gekommen ist, daß die Präposition „für“ unter sechs Malen fünfmal falsch steht. Auch das „von“ statt „aus“ ist Gallizismus. Ebenso Wendungen wie: „Diese Menschen, sie haben keine Urteilskraft“ statt: „Diese Menschen haben keine Urteilskraft“, und überhaupt die Einführung der armseligen Grammatik einer zusammengeleimten patois, wie das Französische in die deutsche, viel edlere Sprache, machen die verderblichen Gallizismen aus; nicht aber, wie bornierte Puristen vermeinen, die Einführung einzelner Fremdwörter: diese werden assimiliert und bereichern die Sprache. Fast die Hälfte der deutschen Wörter ist aus dem Lateinischen abzuleiten: wenn auch dabei zweifelhaft bleibt, welche Wörter wirklich von den Römern angenommen und welche bloß von der Großmutter Sanskrit her so sind. – Die vorgeschlagene Sprachschule könnte auch Preisaufgaben stellen, z. B. den Unterschied des Sinnes der beiden Fragen: „Sind Sie gestern im Theater gewesen?“ und: „Waren Sie gestern im Theater?“ deutlich zu machen.

Noch ein anderes Beispiel falscher Kürze liefert der allmählich allgemein gewordene falsche Gebrauch des Wortes nur. Bekanntlich ist die Bedeutung desselben entschieden beschränkend: es besagt nämlich „nicht mehr als“. Nun aber weiß ich nicht, welcher Querkopf zuerst es gebraucht hat für „nicht anders als“, welches ein ganz verschiedener Gedanke ist: aber wegen der dabei zu lukrierenden Wortersparnis fand der Schnitzer sogleich die eifrigste Nachahmung; so daß jetzt der falsche Gebrauch des Wortes bei weitem der häufigste ist, obschon dadurch oft das Gegenteil von dem, was der Schreiber beabsichtigt, eigentlich gesagt wird. Z. B.: „Ich kann es nur loben“ (also nicht belohnen, nachahmen); „Ich kann es nur mißbilligen“ (also nicht strafen). Hierher gehört auch der allgemeine adverbiale Gebrauch mancher Adjektive, wie „ähnlich“ und „einfach“, der zwar ein paar ältere Beispiele mag aufweisen können, mir jedoch allemal wie ein Mißton klingt. Denn in keiner Sprache erlaubt man sich, Adjektive ohne weiteres als Adverbien zu gebrauchen. Bloß der Deutsche macht keine Umstände, sondern geht nach seiner Laune, nach seiner Kurzsichtigkeit und seiner Unwissenheit mit der Sprache um – wie es seiner geistreichen Nationalphysiognomie entspricht.

Dies alles sind keine Kleinigkeiten: es ist die Verhunzung der Grammatik und des Geistes der Sprache durch nichtswürdige Tintenkleckser, nemine dissentiente. Die sogenannten Gelehrten, welche sich widersetzen sollten, wissenschaftliche Männer, eifern vielmehr den Journal- und Zeitungsliteraten nach: es ist ein Wettstreit der Dummheit und Ohrenlosigkeit. Die deutsche Sprache ist gänzlich in die Grabuge geraten: alles greift zu, jeder tintenklecksende Lump fällt darüber her.

Überall, soweit es angeht, soll man das Adjektiv vom Adverbio unterscheiden, daher z. B. nicht „sicher“ schreiben, so man „sicherlich“ meint. Überhaupt soll man nie und nirgends der Kürze auch nur das kleinste Opfer auf Kosten der Bestimmtheit und Präzision des Ausdrucks bringen: denn die Möglichkeit dieser ist es, welche einer Sprache ihren Wert gibt, indem es nur vermöge ihrer gelingt, jede Nuance, jede Modulation eines Gedankens genau und unzweideutig auszudrücken, ihn also wie im nassen Gewande, nicht wie im Sack erscheinen zu lassen, worin eben die schöne, kraftvolle und prägnante Schreibart besteht, welche den Klassiker macht. Und gerade die Möglichkeit dieser Bestimmtheit und Präzision des Ausdrucks geht gänzlich verloren durch Kleinhacken der Sprache mittelst Abschneiden der Präfixa und Affixa, imgleichen der das Adverbium vom Adjektiv unterscheidenden Silben, durch Weglassen des Auxiliars, Gebrauch des Imperfekts statt des Perfekts usw., usw., wie es jetzt als grassierende Monomanie alle deutschen Federn ergriffen hat und mit einer Hirnlosigkeit, wie sie in England, Frankreich und Italien nie allgemein werden könnte, um die Wette betrieben wird, von allen, ohne irgendeine Opposition. Dieses Kleinhacken der Sprache ist, wie wenn jemand einen kostbaren Stoff, um ihn dichter einpacken zu können, in Lappen zerschnitte: die Sprache wird dadurch in einen elenden halbverständlichen Jargon umgeschaffen, und das wird die deutsche bald sein.

An auffallendsten aber zeigt jenes falsche Streben nach Kürze sich in der Verstümmelung der einzelnen Wörter. Um Tagelohn dienende Büchermacher, greulich unwissende Literaten und feile Zeitungsschreiber beschneiden die deutschen Wörter von allen Seiten wie Gauner die Münzen; alles bloß zum Zweck beliebter Kürze – wie sie solche verstehn. In diesem Streben werden sie den unbändigen Schwätzern gleich, welche, um nur recht vieles in kurzer Zeit und in einem Atem herauszusprudeln, Buchstaben und Silben verschlucken und, hastig nach Luft schnappend, ihre Phrasen ächzend abhaspeln, wobei sie dann die Worte nur zur Hälfte aussprechen. Solchermaßen also werden auch von jenen, um recht vieles auf wenig Raum zu bringen, Buchstaben aus der Mitte und ganze Silben vom Anfang und Ende der Wörter weggeschnitten. Zuvörderst nämlich werden die der Prosodie, der Aussprache und dem Wohllaute dienenden Doppelvokale und verlängernden –h überall herausgerissen, danach aber alles, was noch irgendwo ablösbar ist, weggenommen. Vorzüglich hat diese vandalische Zerstörungswut unserer Wortbeknapper sich auf die Endsilben „-ung“ und „-keit“ gerichtet; eben nur weil sie die Bedeutung derselben nicht verstehn noch fühlen und unter ihrer dicken Hirnschale weit davon entfernt sind, den feinen Takt zu spüren, mit welchem überall unsere instinktmäßig sprachbildenden jene Silbenmodulation angewandt haben, indem sie nämlich durch „-ung“ in der Regel das Subjektive, die Handlung vom Objektiven, dem Gegenstande derselben unterschieden; durch „-keit“ aber meistens das Dauernde, die bleibenden Eigenschaften ausdrückten: wie z. B. jenes die Tötung, Zeugung, Befolgung, Ausmessung, usw., dieses in Freigebigkeit, Gutmütigkeit, Freimütigkeit, Unmöglichkeit, Dauerhaftigkeit usw. Man betrachte z. B. nur die Wörter „Entschließung“, „Entschluß“ und „Entschlossenheit“. Jedoch viel zu stumpf, um dergleichen zu erkennen, schreiben unsere „jetztzeitigen“ rohen Sprachverbesserer z. B. „Freimut“: dann sollten sie auch „Gutmut“ und „Freigabe“, wie auch „Ausfuhr“ statt „Ausführung“, „Durchfuhr“ statt „Durchführung“ schreiben. Mit Recht heißt es „Beweis“, hingegen nicht „Nachweis“, wie unsere stumpfen Tölpel es verbessert haben, sondern „Nachweisung“; weil der Beweis etwas Objektives ist (mathematischer Beweis, faktischer Beweis, unwiderleglicher Beweis usw.), hingegen die Nachweisung ist ein Subjektives, d. h. vom Subjekt Ausgehendes, die Handlung des Nachweisens. – Durchgängig schreiben sie „Vorlage“, wo nicht, wie doch das Wort besagt, das vorzulegende Dokument, sondern die Handlung des Vorlegens, also die „Vorlegung“ gemeint und der Unterschied der analoge ist wie zwischen „Beilage“ und „Beilegung“, „Grundlage“ und „Grundlegung“, „Einlage“ und „Einlegung“, „Versuch“ und „Versuchung“, „Eingabe“ und „Eingebung“ und hundert ähnlichen Wörtern. Aber wann sogar Gerichtsbehörden die Sprachdilapidation sanktionieren, indem sie nicht nur „Vorlage“ statt „Vorlegung“, sondern auch „Vollzug“ statt „Vollziehung“ schreiben und dekretieren, „in Selbstperson“ zu erscheinen, d. h. in eigner, nicht in fremder Person; so darf es uns nicht wundern, alsbald einen Zeitungsschreiber den „Einzug einer Pension“ berichten zu sehn – womit er ihre Einziehung meint, folglich daß sie ihren Einzug nicht ferner halten werde. Denn an ihm freilich ist die Weisheit der Sprache, welche von der Ziehung einer Lotterie, aber vom Zuge eines Heeres redet, verloren. Allein, was darf man von so einem Gazetier erwarten, wenn sogar die gelehrten „Heidelberger Jahrbücher“ (Nr. 24 des Jahres 1850) vom „Einzug seiner Güter“ reden? Höchstens könnten diese zu ihrer Entschuldigung anführen, daß es doch nur ein Philosophie-Professor ist, der so schreibt. Ich wundere mich, noch nicht „Absatz“ statt „Absetzung“, „Ausfuhr“ statt „Ausführung“ und „Empfang“ statt „Empfängnis“ oder gar statt die „Abtretung dieses Hauses“ den „Abtritt dieses Hauses“ gefunden zu haben, welches ebenso konsequent wie dieser Sprachverbesserer würdig wäre und ergötzliche Mißverständnisse herbeiführen könnte. Wirklich gefunden aber habe ich in einer vielgelesenen Zeitung, und zwar mehrmals „Unterbruch“ statt „Unterbrechung“, wodurch man verleitet werden kann zu denken, hier sei die gewöhnliche Hernia im Gegensatz des Leistenbruchs gemeint. – Und doch haben gerade die Zeitungen am wenigsten Ursache, die Worte zu beschneiden, da solche, je länger sei sind, desto mehr ihre Spalten ausfüllen und, wenn dies durch unschuldige Silben geschieht, sie dafür ein paar Lügen weniger in die Welt schicken können. Ganz ernstlich muß ich nun aber hier zu bedenken geben, daß gewiß mehr als neun Zehntel der überhaupt lesenden Menschen nichts als Zeitungen lesen, folglich fast unausbleiblich ihre Rechtschreibung, Grammatik und Stil nach diesen bilden und sogar in ihrer Einfalt dergleichen Sprachverhunzungen für Kürze des Ausdrucks, elegante Leichtigkeit und scharfsinnige Sprachverbesserung halten, ja überhaupt den jungen Leuten ungelehrter Stände die Zeitung, weil sie doch gedruckt ist, für eine Auktorität gilt. Daher sollte in allem Ernst von Staats wegen dafür gesorgt werden, daß die Zeitungen in sprachlicher Hinsicht durchaus fehlerfrei wären. Man könnte zu diesem Zweck einen Nachzensor anstellen, der statt des Gehaltes vom Zeitungsschreiber für jedes verstümmelte oder nicht bei guten Schriftstellern anzutreffende Wort, wie auch für jeden grammatischen, selbst nur syntaktischen Fehler, auch für jede in falscher Verbindung oder falschem Sinne gebrauchte Präposition einen Louisdor als Sportel zu erheben hätte, für freche Verhöhnung aller Grammatik aber, wie wenn ein solcher Skribler statt „hinsichtlich“ „hinsichts“ schreibt, drei Louisdor und im Wiederbetretungsfall das Doppelte. Die Alltagsköpfe sollen im ausgefahrenen Gleise bleiben und nicht unternehmen, die Sprache zu verbessern. Oder ist etwan die deutsche Sprache vogelfrei als eine Kleinigkeit, die nicht des Schutzes der Gesetze wert ist, den doch jeder Misthaufen genießt? – Elende Philister! – Was in aller Welt soll aus der deutschen Sprache werden, wenn Sudler und Zeitungsschreiber diskretionäre Gewalt behalten, mit ihr zu schalten und zu walten nach Maßgabe ihrer Laune und ihres Unverstandes? – Übrigens aber beschränkt der in Rede stehende Unfug sich keineswegs auf die Zeitungen: vielmehr ist er allgemein und wird in Büchern und gelehrten Zeitschriften mit gleichem Eifer und mit wenig mehr Überlegung getrieben. Da finden wir Präfixa und Affixa rücksichtslos unterschlagen, indem z.B. „Hingabe“ für „Hingebung“; „Mißverstand“ für „Mißverständnis“; „Wandeln“ für „Verwandeln“; „Lauf“ für „Verlauf“; „Meiden“ für „Vermeiden“; „Ratschlagen“ für „Beratschlagen“; „Schlüsse“ für „Beschlüsse“; „Führung“ für „Aufführung“; „Vergleich“ für „Vergleichung“; „Zehrung“ für „Auszehrung“ gesetzt ist und hundert andere, mitunter noch schlimmere Streiche dieser Art. Sogar in sehr gelehrten Werken finden wir die Mode mitgemacht: z. B. in der „Chronologie der Ägypter“ von Lepsius (1849) heißt es S. 545: „Manethos fügte seinem Geschichtswerke … eine Übersicht … nach Art ägyptischer Annalen zu“ – also „zufügen“ (infligere) für „hinzufügen“ (addere) – um eine Silbe zu ersparen. Derselbe Herr Lepsius betitelt 1837 eine Abhandlung also: „Über den Ursprung und die Verwandtschaft der Zahlwörter in der indogermanischen, semitischen und koptischen Sprache“. Es muß aber heißen Zahlenwörter, weil es von den Zahlen kommt, eben wie Zahlensysteme, Zahlenverhältnis, Zahlenordnung usw., nicht aber vom Verbo zahlen (davon bezahlen), wie Zahltag, zahlbar, Zahlmeister usw. Ehe die Herrn sich an die semitische und koptische Sprache machen, sollten sie erst die deutsche gehörig verstehen lernen. Hingegen mit dieser täppischen Art, nur überall Silben abzuschneiden, verhunzen heutzutage alle schlechten Skribenten die deutsche Sprache, welche nachher nicht wieder herzustellen sein wird. Daher müssen solche Sprachverbesserer ohne Unterschied der Person gezüchtigt werden wie die Schuljungen. Jeder Wohlgesinnte und Einsichtige ergreife also mit mir Partei für die deutsche Sprache gegen die deutsche Dummheit! Wie würde ein solches willkürliches, ja freches Umspringen mit der Sprache, wie heutzutage in Deutschland jeder Tintenkleckser es sich erlaubt, in England, in Frankreich oder in Italien, welches um seine Accademia della Crusca zu beneiden ist, aufgenommen werden? Man sehe z. B. das „Leben des Benvenuto Cellini“, wie da der Herausgeber jede, auch die geringste Abweichung vom reinen Toskanisch, und beträfe sie einen Buchstaben, sogleich unten in einer Note kritisiert und in Erwägung nimmt. – In einer englischen Zeitung habe ich stark gerügt gefunden, daß ein Redner gesagt hatte: my talented friend, welches nicht englisch sei: und doch hat man „spirited“ von „spirit“. So streng sind die anderen Nationen hinsichtlich ihrer Sprachen. Hingegen jeder deutsche Schmierer setzt ohne Scheu irgendein unerhörtes Wort zusammen, und statt in den Journalen Spießruten laufen zu müssen, findet er Beifall und Nachahmer. Kein Schreiber, nicht einmal der niedrigste Tintenkleckser, trägt Bedenken, ein Verbum in einem noch nie ihm beigelegten Sinne zu gebrauchen, wenn nur so, daß der Leser allenfalls erraten kann, was er meint: da gilt’s für einen originellen Einfall und findet Nachahmung. Ohne irgendeine Rücksicht auf Grammatik, Sprachgebrauch, Sinn und Menschenverstand schreibt jeder Narr hin, was ihm eben durch den Kopf fährt, und je toller, desto besser! – Eben las ich „Zentroamerika“ statt „Zentralamerika“ – wieder ein Buchstabe erspart, auf Kosten oben genannter Potenzen! – Das macht, dem Deutschen sind in allen Dingen Ordnung, Regel und Gesetz verhaßt: er liebt sich die individuelle Willkür und das eigene Kaprice, mit etwas abgeschmackter Billigkeit nach eigener scharfer Urteilskraft versetzt. Daher zweifle ich, ob jemals die Deutschen lernen werden, sich, wie jeder Brite in den drei vereinigten Königreichen und allen Kolonien unverbrüchlich tut, auf Straßen, Wegen und Stegen allemal rechts zu halten – so sehr groß und augenfällig auch der Vorteil davon wäre. Auch in geselligen Vereinen, Klubs und dergleichen kann man sehn, wie gern selbst ohne allen Vorteil ihre Bequemlichkeit viele die zweckmäßigsten Gesetze der Gesellschaft mutwillig brechen. Nun aber sagt Goethe:

Nach seinem Sinne leben ist gemein:

Der Edle strebt nach Ordnung und Gesetz.

(„Natürliche Tochter“, Schema der Fortsetzung, 5. Aufzug)

Die Manie ist universal: alles greift zu, die Sprache zu demolieren, ohne Gnade und Schonung; ja wie bei einem Vogelschießen sucht jeder ein Stück abzulösen, wo und wie er nur kann. Also zu einer Zeit, da in Deutschland nicht ein einziger Schriftsteller lebt, dessen Werke sich Dauer versprechen dürfen, erlauben sich Bücherfabrikanten, Literaten und Zeitungsschreiber die Sprache reformieren zu wollen, und so sehn wir denn dieses gegenwärtige bei aller Langbärtigkeit impotente, d. h. zu jeder Geistesproduktion höherer Art unfähige Geschlecht seine Muße dazu verwenden, die Sprache, in welcher große Schriftsteller geschrieben haben, auf die mutwilligste und unverschämteste Weise zu verstümmeln, um so ein herostratisches Andenken zu stiften. Wenn ehemals wohl die Koryphäen der Literatur sich im einzelnen eine wohlüberlegte Sprachverbesserung erlaubten, so hält jetzt jeder Tintenkleckser, jeder Zeitungsschreiber, jeder Herausgeber eines ästhetischen Winkelblattes sich befugt, seine Tatzen an die Sprache zu legen, um nach seinem Kaprice herauszureißen, was ihm nicht gefällt, oder auch neue Worte einzusetzen.

Hauptsächlich ist, wie gesagt, die Wut dieser Wortbeschneider auf die Präfixa und Affixa aller Wörter gerichtet. Was sie nun durch solche Amputation derselben zu erreichen suchen, muß wohl die Kürze und durch diese die größere Prägnanz und Energie des Ausdrucks sein: denn die Papierersparnis ist am Ende doch gar zu gering. Sie möchten also das zu Sagende möglichst kontrahieren. Hiezu aber ist eine ganz andere Prozedur als Wortbeknapperei erfordert, nämlich diese, daß man bündig und konzis denke: gerade diese jedoch steht nicht ebenso einem jeden zu Gebote. Zudem nun aber ist schlagende Kürze, Energie und Prägnanz des Ausdrucks nur dadurch möglich, daß die Sprache für jeden Begriff ein Wort und für jede Modifikation, sogar für jede Nuancierung dieses Begriffs eine derselben genau entsprechende Modifikation des Wortes besitze; weil nur durch diese in ihrer richtigen Anwendung es möglich wird, daß jeder Periode, sobald sie ausgesprochen worden, im Hörer gerade und genau den Gedanken, welchen der Redner beabsichtigt, erwecke, ohne ihn auch nur einen Augenblick im Zweifel zu lassen, ob dieses oder jenes gemeint ist. Hiezu nun muß jedes Wurzelwort der Sprache ein modificabile multimodis modificationibus sein, um sich allen Nuancen des Begriffs und dadurch den Feinheiten des Gedankens wie ein nasses Gewand anlegen zu können. Dieses nun wird hauptsächlich gerade durch die Präfixa und Affixa ermöglicht: sie sind die Modulation jedes Grundbegriffs auf der Klaviatur der Sprache. Daher haben auch Griechen und Römer die Bedeutung fast aller Verba und vieler Substantiva durch Präfixa moduliert und nuanciert. Dasselbe läßt sich an deutschen Worten zeigen: z. B. das Substantiv „Sicht“ wird modifiziert zu Aussicht, Einsicht, Durchsicht, Nachsicht, Vorsicht, Hinsicht, Absicht usf. Oder das Verbum „suchen“, modifiziert zu Aufsuchen, Aussuchen, Untersuchen, Besuchen, Ersuchen, Versuchen, Heimsuchen, Durchsuchen, Nachsuchen usf. Dies also leisten die Präfixa: läßt man sie angestrebter Kürze halber weg und sagt vorkommendenfalls statt aller angegebenen Modifikationen jedesmal nur „Sicht“ oder „suchen“; so bleiben alle näheren Bestimmungen eines sehr weiten Grundbegriffs unbezeichnet und das Verständnis Gott und dem Leser überlassen: dadurch wird also die Sprache zugleich arm, ungelenk und roh gemacht. Nichtsdestoweniger ist gerade dies der Kunstgriff der scharfsinnigen Sprachverbesserer der „Jetztzeit“. Plump und unwissend, wähnen sie wahrlich, unsere so sinnigen Vorfahren hätten die Präfixa müßigerweise aus reiner Dummheit hingesetzt, und glauben ihrerseits einen Geniestreich zu begehn, indem sie solche überall wegknappen, mit Hast und Eifer, wo sie nur eines gewahr werden; während doch in der Sprache kein Präfixum ohne Bedeutung ist, keines, das nicht diente, den Grundbegriff durch alle seine Modulationen durchzuführen und eben dadurch Bestimmtheit, Deutlichkeit und Feinheit des Ausdrucks möglich zu machen, welche sodann in Energie und Prägnanz desselben übergehn kann. Hingegen wird durch Abschneiden der Präfixa aus mehreren Wörtern eines gemacht; wodurch die Sprache verarmt. Aber noch mehr: nicht bloß Wörter sind es, sondern Begriffe, die dadurch verlorengehn, weil es alsdann an Mitteln fehlt, diese zu fixieren, und man nun bei seinem Reden, ja selbst bei seinem Denken, sich mit dem „a‘ peu pre’s“ zu begnügen hat, wodurch die Energie der Rede und die Deutlichkeit des Gedankens eingebüßt wird. Man kann nämlich nicht, wie durch solche Beknappung geschieht, die Zahl der Wörter verringern, ohne zugleich die Bedeutung der übrigbleibenden zu erweitern, und wiederum dieses nicht, ohne derselben ihre genaue Bestimmtheit zu nehmen, folglich der Zweideutigkeit, mithin der Unklarheit in die Hände zu arbeiten, wodurch alsdann alle Präzision und Deutlichkeit des Ausdrucks, geschweige Energie und Prägnanz desselben unmöglich gemacht wird. Eine Erläuterung hierzu liefert schon die oben gerügte Erweiterung der Bedeutung des Wortes „nur“, welche sogleich Zweideutigkeit, ja bisweilen Falschheit des Ausdrucks herbeiführt. – Wie wenig ist doch daran gelegen, daß ein Wort zwei Silben mehr habe, wenn durch diese der Begriff näher bestimmt wird! Sollte man glauben, daß es Schiefköpfe gibt, die Indifferenz schreiben, wo sie Indifferentismus meinen – um diese zwei Silben zu lukrieren!

Zu aller Deutlichkeit und Bestimmtheit des Ausdrucks und dadurch zur echten Kürze, Energie und Prägnanz der Rede sind also gerade jene Präfixa, welche ein Wurzelwort durch alle Modifikationen und Nuancen seiner Anwendbarkeit durchführen, ein unerläßliches Mittel und ebenso die Affixa, also auch die verschiedenartigen Endsilben der von Verben abstammenden Substantiva, wie dieses bereits oben an „Versuch“ und „Versuchung“ usw. erläutert worden. Daher sind beide Modulationsweisen der Wörter und Begriffe von unseren Altvordern höchst sinnig, weise und mit richtigem Takt auf die Sprache verteilt und den Wörtern aufgedrückt worden. Auf jene aber ist in unseren Tagen ein Geschlecht roher, unwissender und unfähiger Schmierer gefolgt, welches mit vereinten Kräften sich ein Geschäft daraus macht, durch Dilapidation der Wörter jenes alte Kunstwerk zu zerstören; weil eben diese Pachydermata für Kunstmittel, welche bestimmt sind, fein nuancierten Gedanken zum Ausdruck zu dienen, natürlich keinen Sinn haben: wohl aber verstehn sie, Buchstaben zu zählen. Hat daher so ein Pachyderma die Wahl zwischen zwei Wörtern, davon das eine mittelst seines Präfixums oder Affixums dem auszudrückenden Begriffe genau entspricht, das andere aber ihn nur so ungefähr und im allgemeinen bezeichnet, jedoch drei Buchstaben weniger zählt; so greift unser Pachyderma unbedenklich nach dem letzten und begnügt sich hinsichtlich des Sinnes mit dem a‘ peu pre‘s: denn sein Denken bedarf jener Feinheiten nicht; da es doch nur so in Bausch und Bogen geschieht – aber nur recht wenige Buchstaben! Daran hängt die Kürze und Kraft des Ausdrucks, die Schönheit der Sprache. Hat er z. B. zu sagen: „So etwas ist nicht vorhanden“, so wird er sagen: „So etwas ist nicht da“, wegen der großen Buchstabenersparnis. – Ihre oberste Maxime ist, allemal die Angemessenheit und Richtigkeit eines Ausdrucks der Kürze eines andern, der als Surrogat dienen muß, zu opfern; woraus allmählich ein höchst matter und endlich ein unverständlicher Jargon erwachsen muß, und dergestalt der einzige wirkliche Vorzug, den die deutsche vor den übrigen europäischen Nationen hat, die Sprache, mutwillig vernichtet wird. Die deutsche Sprache nämlich ist die einzige, in der man beinahe so gut schreiben kann wie im Griechischen und Lateinischen, welches den anderen europäischen Hauptsprachen, als welche bloße patois sind, nachrühmen zu wollen lächerlich sein würde. Daher eben hat, mit diesen verglichen, das Deutsche etwas so ungemein Edeles und Erhabenes. – Wie sollte aber auch so ein Pachyderma Gefühl haben für das zarte Wesen einer Sprache, dieses köstlichen, weichen Materials, denkenden Geistern überliefert, um einen genauen und feinen Gedanken aufnehmen und bewahren zu können? Hingegen Buchstaben zählen, das ist etwas für Pachydermata! Seht daher, wie sie schwelgen in der Sprachverhunzung, diese edeln Söhne der „Jetztzeit“. Seht sie nur an: kahle Köpfe, lange Bärte, Brillen statt Augen, als Surrogat der Gedanken ein Cigarro im tierischen Maul, ein Sack auf dem Rücken statt des Rocks, Herumtreiben statt des Fleißes, Arroganz statt der Kenntnisse, Frechheit und Kameraderie statt der Verdienste! Edle „Jetztzeit“, herrliche Epigonen, bei der Muttermilch Hegelscher Philosophie herangewachsenes Geschlecht! Zum ewigen Andenken wollt ihr euere Tatzen in unsere alte Sprache drücken, damit der Abdruck, als Ichnolith, die Spur eueres schalen und dumpfen Daseins auf immer bewahre. Aber: Di meliora! Fort, Pachydermata, fort! Dies ist die deutsche Sprache, in der Menschen sich ausgedrückt, ja in der große Dichter gesungen und große Denker geschrieben haben! Zurück mit den Tatzen! – oder ihr sollt – hungern. (Dies allein schreckt sie.)

Der gerügten „jetztzeitigen“ Verschlimmbesserung der Sprache durch der Schule zu früh entlaufene und in Unwissenheit herangewachsene Knaben, ist denn auch die Interpunktion zur Beute geworden, als welche heutzutage fast allgemein mit absichtlicher, selbstgefälliger Liederlichkeit gehandhabt wird. Was eigentlich die Skribler sich dabei denken mögen, ist schwer anzugeben; wahrscheinlich aber soll die Narrheit eine französische liebenswürdige le’ge’rete‘ vorstellen oder auch Leichtigkeit der Auffassung beurkunden und voraussetzen. Mit den Interpunktionszeichen der Druckerei wird nämlich umgegangen, als wären sie von Gold: demnach werden etwan drei Viertel der nötigen Kommata weggelassen (finde sich zurecht, wer kann!); wo aber ein Punkt stehn sollte, steht erst ein Komma oder höchstens ein Semikolon, u. dgl. mehr. Die nächste Folge davon ist, daß man jeder Periode zweimal lesen muß. Nun aber steckt in der Interpunktion ein Teil der Logik jeder Periode, sofern diese dadurch markiert wird: daher ist eine solche absichtliche Liederlichkeit geradezu frevelhaft, am meisten aber, wann sie, wie jetzt sehr häufig geschieht, sogar von si-Deo-placet-Philologen, selbst auf die Ausgaben alter Schriftsteller angewandt und das Verständnis dieser dadurch beträchtlich erschwert wird. Nicht einmal das Neue Testament ist in seinen neueren Auflagen damit verschont geblieben. Ist der Zweck der Kürze, die ihr durch Silbenknickerei und Buchstabenzählerei anstrebt, dem Leser Zeit zu ersparen; so werdet ihr diesen viel besser dadurch erreichen, daß ihr durch genügende Interpunktion ihn sogleich erkennen laßt, welche Worte zu einer Periode gehören und welche zur andern. Es liegt am Tage, daß eine laxe Interpunktion, wie etwan die französische Sprache wegen ihrer streng logischen und daher kurz angebundenen Wortfolge und die englische wegen der großen Ärmlichkeit ihrer Grammatik sie zuläßt, nicht anwendbar ist auf relative Ursprachen, die als solche eine komplizierte und gelehrte Grammatik haben, welche künstlichere Perioden möglich macht, dergleichen die griechische, lateinische und deutsche Sprache sind.

Um nun also auf die hier eigentlich in Rede stehende Kürze, Konzinnität und Prägnanz des Vortrags zurückzukommen; so geht eine solche wirklich allein aus dem Reichtum und der Inhaltsschwere der Gedanken hervor, bedarf daher am allerwenigsten jener armseligen, als Mittel zur Abkürzung des Ausdrucks ergriffenen Wort- und Phrasenbeschneiderei, die ich hier einmal gehörig gerügt habe. Denn vollwichtige, reichhaltige, also überhaupt schreibenswerte Gedanken müssen Stoff und Gehalt genug liefern, um die sie aussprechenden Perioden auch in der grammatischen und lexikalischen Vollkommenheit aller ihrer Teile so sattsam auszufüllen, daß solche nirgends hohl, leer oder leicht befunden werden, sondern der Vortrag überall kurz und prägnant bleibt, während an ihm der Gedanke seinen faßlichen und bequemen Ausdruck findet, ja sich mit Grazie darin entfaltet und bewegt. Also nicht Worte und Sprachformen soll man zusammenziehn, sondern die Gedanken vergrößern; wie ein Konvaleszent durch Herstellung seiner Wohlbeleibtheit, nicht aber durch Engermachen seiner Kleider diese wieder wie vormals auszufüllen imstande sein soll.

15

Ein heutzutage beim gesunkenen Zustande der Literatur und bei der Vernachlässigung der alten Sprachen immer häufiger werdender, jedoch nur in Deutschland einheimischer Fehler des Stils ist die Subjektivität desselben. Sie besteht darin, daß es dem Schreiber genügt, selbst zu wissen, was er meint und will – der Leser mag sehn, wie auch er dahinter komme! Unbekümmert um diesen schreibt er eben, als ob er einen Monolog hielte, während es denn doch ein Dialog sein sollte, und zwar einer, in welchem man sich um so deutlicher auszudrücken hat, als man die Fragen des anderen nicht vernimmt. Eben dieserhalb nun also soll der Stil nicht subjektiv, sondern objektiv sein; wozu es nötig ist, die Worte so zu stellen, daß sei den Leser geradezu zwingen, genau dasselbe zu denken, was der Autor gedacht hat. Dies wird aber nur dann zustande kommen, wann der Autor stets eingedenk war, daß die Gedanken insofern das Gesetz der Schwere befolgen, als sie den Weg vom Kopfe auf das Papier viel leichter als den vom Papier zum Kopfe zurücklegen, daher ihnen hierbei mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln geholfen werden muß. Ist dies geschehn, so wirken die Worte rein objektiv, gleichwie ein vollendetes Ölgemälde; während der subjektive Stil nicht viel sicherer wirkt als die Flecken an der Wand, bei denen der allein, dessen Phantasie zufällig durch sie erregt worden, Figuren sieht, die andern nur Kleckse. Der in Rede stehende Unterschied erstreckt sich über die ganze Darstellungsweise, ist aber oft auch im einzelnen nachweisbar: soeben z. B. lese ich in einem neuen Buche: „Um die Masse der vorhandenen Bücher zu vermehren, habe ich nicht geschrieben“. Dies sagt das Gegenteil von dem, was der Schreiber beabsichtigte, und obendrein Unsinn.

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Wer nachlässig schreibt, legt dadurch zunächst das Bekenntnis ab, daß er selbst seinen Gedanken keinen großen Wert beilegt. Denn nur aus der Überzeugung von der Wahrheit und Wichtigkeit unserer Gedanken entspringt die Begeisterung, welche erfordert ist, um mit unermüdlicher Ausdauer überall auf den deutlichsten, schönsten und kräftigsten Ausdruck derselben bedacht zu sein – wie man nur an Heiligtümer oder unschätzbare Kunstwerke silberne oder goldene Behältnisse wendet. Daher haben die Alten, deren Gedanken in ihren eigenen Worten schon Jahrtausende fortleben und die deswegen den Ehrentitel Klassiker tragen, mit durchgängiger Sorgfalt geschrieben; soll doch Platon den Eingang seiner „Republik“ siebenmal, verschieden modifiziert, abgefaßt haben. – Die Deutschen hingegen zeichnen sich durch Nachlässigkeit des Stils wie des Anzuges vor andern Nationen aus, und beiderlei Schlumperei entspringt aus derselben im Nationalcharakter liegenden Quelle. Wie aber Vernachlässigung des Anzuges Geringschätzung der Gesellschaft, in die man tritt, verrät, so bezeugt flüchtiger, nachlässiger, schlechter Stil eine beleidigende Geringschätzung des Lesers, welche dann dieser mit Recht durch Nichtlesen straft. Zumal aber sind Rezensenten belustigend, welche im nachlässigsten Lohnschreiberstile die Werke anderer kritisieren. Das nimmt sich aus, wie wenn einer im Schlafrock und Pantoffeln zur Gericht säße. Wie sorgfältig hingegen werden „Edinburgh Review“ und „Journal des Savants“ abgefaßt! Wie ich aber mit einem schlecht und schmutzig gekleideten Menschen mich in ein Gespräch einzulassen vorläufig Bedenken trage, so werde ich ein Buch weglegen, wenn mir die Fahrlässigkeit des Stils sogleich in die Augen springt.

Bis vor hundert Jahren schrieben, zumal in Deutschland, die Gelehrten Latein; in dieser Sprache wäre ein Schnitzer eine Schande gewesen: sogar aber waren die meisten ernstlich bemüht, dieselbe mit Eleganz zu schreiben; und vielen gelang es. Jetzt, nachdem sie, dieser Fessel entledigt, die große Bequemlichkeit erlangt haben, in ihrer einen Frau-Mutter-Sprache schreiben zu dürfen, sollte man erwarten, daß sie dieses wenigstens mit höchster Korrektheit und möglichster Eleganz zu leisten sich angelegen sein lassen würden. In Frankreich, England, Italien ist dies noch der Fall. Aber in Deutschland das Gegenteil! Da schmieren sie wie bezahlte Lohnlakeien hastig hin, was sie zu sagen haben, in den Ausdrücken, die ihnen eben ins ungewaschene Maul kommen, ohne Stil, ja ohne Grammatik und Logik: denn sie setzen überall das Imperfektum statt des Perfektums und Plusquamperfektums, den Ablativ statt des Genitivs, brauchen statt aller Partikel immer die eine „für“, die daher unter sechs Mal fünfmal falsch steht, kurz: begehn alle die stilistischen Eseleien, über die ich im obigen einiges beigebracht habe.

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Zum Sprachverderb zähle ich auch den immer allgemeiner werdenden verkehrten Gebrauch des Wortes Frauen statt Weiber, wodurch abermals die Sprache verarmt: denn Frau heißt „uxor“ und Weib „mulier“ (Mädchen sind keine Frauen, sondern wollen es werden), wenn auch im 13. Jahrhundert eine solche Verwechslung schon einmal dagewesen sein oder sogar erst später die Benennungen gesondert sein sollten. Die Weiber wollen nicht mehr Weiber heißen, aus demselben Grunde, aus welchem die Juden Israeliten und die Schneider Kleidermacher genannt werden wollen und Kaufleute ihr „Kontor“ „Büro“ titulieren, jeder Spaß oder Witz Humor heißen will, weil nämlich dem Worte beigemessen wird, was nicht ihm, sondern der Sache anhängt. Nicht das Wort hat der Sache Geringschätzung zugezogen, sondern umgekehrt – daher nach zweihundert Jahren die Beteiligten abermals auf Vertauschung der Wörter antragen würden. Aber keinenfalls darf die deutsche Sprache einer Weibergrille halber um ein Wort ärmer werden. Daher lasse man den Weibern und ihren schalen Teetischliteraten die Sache nicht durchgehn, vielmehr bedenke man, daß das Weiberunwesen oder Damentum in Europa uns am Ende dem Mormonismus in die Arme führen kann. – Überdies führt das Wort Frau [den Sinn] von ältlich und abgenutzt mit sich und klingt schon wie grau; also „videant mulieres, ne quid detrimenti res publica capiat“.

 

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Wenige schreiben, wie ein Architekt baut, der zuvor seinen Plan entworfen und bis ins Einzelne durchdacht hat – vielmehr die meisten nur so, wie man Domino spielt. Wie nämlich hier, halb durch Absicht, halb durch Zufall, Stein an Stein sich fügt – so steht es eben auch mit der Folge und dem Zusammenhang ihrer Sätze. Kaum daß sie ungefähr wissen, welche Gestalt im Ganzen herauskommen wird und wo das alles hinaussoll. Viele wissen selbst dies nicht, sondern schreiben, wie die Korallenpolypen bauen: Periode fügt sich an Periode, und es geht, wohin Gott will. Zudem ist das Leben der „Jetztzeit“ eine große Galoppade: in der Literatur gibt sie sich kund als äußerste Flüchtigkeit und Liederlichkeit.

 

19

Der leitende Grundsatz der Stilistik sollte sein, daß der Mensch nur einen Gedanken zu Zeit deutlich denken kann; daher ihm nicht zugemutet werden darf, daß er deren zwei oder gar mehrere auf einmal denke. – Dies aber mutet ihm der zu, welcher solche als Zwischensätze in die Lücken einer zu diesem Zwecke zerstückelten Hauptperiode schiebt; wodurch er ihn also unnötiger- und mutwilligerweise in Verwirrung setzt. Hauptsächlich tun dies die deutschen Schriftsteller. Daß ihre Sprache sie dazu besser als die andern lebenden eignet, begründet zwar die Möglichkeit, aber nicht die Löblichkeit der Sache. Keine Prosa liest sich so leicht und angenehm wie die französische, weil sie von diesem Fehler in der Regel frei ist. Der Franzose reiht seine Gedanken in möglichst logischer und überhaupt natürlicher Ordnung aneinander und legt sie so seinem Leser sukzessive zu bequemer Erwägung vor, damit dieser einem jeden derselben seine ungeteilte Aufmerksamkeit zuwenden könne. Der Deutsche hingegen ficht sie ineinander zu einer verschränkten und abermals verschränkten und nochmals verschränkten Periode, weil er sechs Sachen auf einmal sagen will, statt sie eine nach der andern vorzubringen. Sagt, was ihr zu sagen habt, eins nach dem andern, nicht aber sechs Sachen auf einmal und durcheinander! Also, während er suchen sollte, die Aufmerksamkeit seines Lesers anzulocken und festzuhalten, verlangt er vielmehr von demselben noch obendrein, daß er obigem Gesetze der Einheit der Apprehension entgegen drei oder vier verschiedene Gedanken zugleich oder, weil dies nicht möglich ist, in schnell vibrierenden Abwechslungen denke. Hierdurch legt er den Grund zu seinem stile empese`, den er sodann durch preziöse, hochtrabende Ausdrücke, um die einfachsten Sachen mitzuteilen, und sonstige Kunstmittel dieser Art vollendet.

Der wahre Nationalcharakter der Deutschen ist Schwerfälligkeit: sie leuchtet hervor aus ihrem Gange, ihrem Tun und Treiben, ihrer Sprache, ihrem Reden, Erzählen, Verstehen und Denken, ganz besonders aber aus ihrem Stil im Schreiben, aus dem Vergnügen, welches sie an langen schwerfälligen, verstrickten Perioden haben, bei welchen das Gedächtnis ganz allein fünf Minuten lang geduldig die ihm aufgelegte Lektion lernt, bis zuletzt am Schluß der Periode der Verstand zum Schuß kommt und die Rätsel gelöst werden. Darin gefallen sie sich, und wenn nun noch Preziosität und Bombast und affektierte feierliche Würde anzubringen sind, so schwelgt der Autor darin: aber der Himmel gebe dem Leser Geduld. – Vorzüglich aber befleißigen sie sich dabei durchgängig der möglichsten Unentschiedenheit und Unbestimmtheit des Ausdrucks, wodurch alles wie im Neben erscheint: der Zweck scheint zu sein teils das Offenlassen einer Hintertür zu jedem Satz, teils Vornehmtuerei, die mehr zu sagen scheinen will, als gedacht worden; teils liegt wirkliche Stumpfheit und Schlafmützigkeit dieser Eigentümlichkeit zum Grunde, welche gerade es ist, was den Ausländern alle deutsche Schreiberei verhaßt macht, weil sie eben nicht im dunkeln tappen mögen; welches hingegen unsern Landsleuten kongenial zu sein scheint.

Durch jene langen mit ineinander geschachtelten Zwischensätzen bereicherten und, wie gebratene Gänse mit Äpfeln, ausgestopften Perioden, an die man sich nicht machen darf, ohne vorher nach der Uhr zu sehn, wird eigentlich zunächst das Gedächtnis in Anspruch genommen; während vielmehr Verstand und Urteilskraft aufgerufen werden sollten, deren Tätigkeit nun aber gerade dadurch erschwert und geschwächt wird. Denn dergleichen Perioden liefern dem Leser lauter halbvollendete Phrasen, die sein Gedächtnis nun sorgfältig sammeln und aufbewahren soll, wie die Stückchen eines zerrissenen Briefes, bis sie durch die später nachkommenden respektiven andern Hälften ergänzt werden und dann einen Sinn erhalten. Folglich muß er bis dahin eine Weile lesen, ohne irgend etwas zu denken, vielmehr bloß alles memorieren, in der Hoffnung auf den Schluß, der ihm ein Licht aufstecken wird, bei dem er nun auch etwas zu denken empfangen soll. Er kriegt so vieles auswendig zu lernen, ehe er etwas zum Verstehn erhält. Das ist offenbar schlecht und ein Mißbrauch der Geduld des Lesers. Aber die unverkennbare Vorliebe der gewöhnlichen Köpfe für diese Schreibart beruht darauf, daß sie den Leser erst nach einiger Zeit und Mühe das verstehn läßt, was er außer dem sogleich verstanden haben würde; wodurch nun der Schein entsteht, als hätte mehr Tiefe und Verstand als der Leser. Auch dieses also gehört zu den oben erwähnten Kunstgriffen, mittelst welcher die Mediokren unbewußt und instinktartig ihre Geistesarmut zu verstecken und den Schein des Gegenteils hervorzubringen sich bemühen. Ihre Erfindsamkeit hierin ist sogar erstaunenswert.

Offenbar aber ist es gegen alle gesunde Vernunft, einen Gedanken quer durch einen andern zu schlagen wie ein hölzernes Kreuz; dies geschieht jedoch, indem man das, was man zu sagen angefangen hat, unterbricht, um etwas ganz anderes dazwischen zu sagen, und so seinem Leser eine angefangene Periode einstweilen noch ohne Sinn in Verwahrung gibt, bis die Ergänzung nachkommt. Es ist ungefähr, wie wenn man seinen Gästen einen leeren Teller in die Hand gäbe, mit der Hoffnung, es werde noch etwas darauf kommen. Eigentlich sind die Zwischenkommata von derselben Familie mit den Noten unter der Seite und den Parenthesen mitten im Text; ja alle drei sind im Grunde bloß dem Grade nach verschieden. Wenn bisweilen Demosthenes und Cicero dergleichen Einschachtelungsperioden gemacht haben, so hätten sie besser getan, es zu unterlassen.

Den höchsten Grad von Abgeschmacktheit erreicht dieser Phrasenbau, wenn die Zwischensätze nicht einmal organisch eingefügt, sondern durch direktes Zerbrechen einer Periode eingekeilt sind. Wenn es z. B. eine Impertinenz ist, andere zu unterbrechen, so ist es nicht minder eine solche, sich selbst zu unterbrechen, wie es in einem Phrasenbau geschieht, den seit einigen Jahren alle schlechten, nachlässigen, eiligen das liebe Brot vor Augen habenden Skribler auf jeder Seite sechsmal anwenden und sich darin gefallen. Er besteht darin, daß – man soll, wo man kann, Regel und Beispiel zugleich geben – man eine Phrase zerbricht, um eine andere dazwischenzuleimen. Sie tut es jedoch nicht bloß aus Faulheit, sondern auch aus Dummheit, indem sie es für eine liebenswürdige le`ge`rete` halten, die den Vortrag belebe. – In einzelnen seltenen Fällen mag es zu entschuldigen sein

 

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Schon in der Logik könnte bei der Lehre von den analytischen Urteilen beiläufig bemerkt werden, daß sie eigentlich im guten Vortrage nicht vorkommen sollen, weil sie sich einfältig ausnehmen. Am meisten tritt dies hervor, wenn vom Individuo prädiziert wird, was schon der Gattung zukommt; wie z. B. ein Ochs, welcher Hörner hatte; ein Arzt, dessen Geschäft es war, Kranke zu kurieren, u. dgl. mehr. Daher sind sie nur da zu gebrauchen, wo eine Erklärung oder Definition gegeben werden soll.

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Gleichnisse sind von großem Werte, sofern sie ein unbekanntes Verhältnis auf ein bekanntes zurückführen. Auch die ausführlicheren Gleichnisse, welche zur Parabel oder Allegorie anwachsen, sind nur die Zurückführung irgendeines Verhältnisses auf seine einfachste, anschaulichste und handgreiflichste Darstellung. – Sogar beruht alle Begriffsbildung im Grunde auf Gleichnissen, sofern sie aus dem Auffassen des Ähnlichen und Fallenlassen des Unähnlichen in den Dingen erwächst. Ferner besteht jedes eigentliche Verstehn zuletzt in einem Auffassen von Verhältnissen (un saisir de rapports): man wird aber jedes Verhältnis um so deutlicher und reiner auffassen, als man es in weit von einander verschiedenen Fällen und zwischen ganz heterogenen Dingen als dasselbe wiedererkennt. Solange nämlich ein Verhältnis mir nur als in einem einzelnen Falle vorhanden bekannt ist, habe ich von demselben bloß eine individuelle, also eigentlich nur noch anschauliche Erkenntnis: sobald ich aber auch nur in zwei verschiedenen Fällen dasselbe Verhältnis auffasse, habe ich einen Begriff von der ganzen Art desselben, also eine tiefere und vollkommenere Erkenntnis.

Eben weil Gleichnisse ein so mächtiger Hebel für die Erkenntnis sind, zeugt das Aufstellen überraschender und dabei treffender Gleichnisse von einem tiefen Verstande. Demgemäß sagt auch Aristoteles: „At long maximum est, metaphoricum esse; solum enim hoc neque ab alio licet assumere, et boni signum est. Bene enim transferre est simile intueri.“ Desgleichen: „Etiam in philosophia simile vel in longe distantibus cernere perspicacis est.“

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Wie groß und bewunderungswürdig waren doch jene Urgeister des Menschengeschlechts, welche, wo immer es gewesen sein mag, das bewunderungswürdigste der Kunstwerke, die Grammatik der Sprache erfanden, die partes orationis schufen, am Substantiv, Adjektiv und Pronomen die Genera und Casus, am Verbo die Tempora und Modi unterschieden und feststellten, wobei sie Imperfekt, Perfekt und Plusquamperfekt, zwischen welchen im Griechischen noch die Aoriste stehn, fein und sorgfältig sonderten; alle in der edln Absicht, ein angemessenes und ausreichendes materielles Organ zum vollen und würdigen Ausdruck des menschlichen Denkens zu haben, welches jede Nuance und jede Modulation desselben aufnehmen und richtig wiedergeben könnte! Und jetzt betrachte man dagegen unsere heutigen Verbesserer jenes Kunstwerks, diese plumpen, stumpfen, klotzigen deutschen Handwerksburschen von der Skriblergilde: zur Raumersparnis wollen sie jene sorgfältigen Sonderungen, als überflüssig, beseitigen, sie gießen demnach sämtliche Präterita in das Imperfekt zusammen und reden nun in lauter Imperfekten. In ihren Augen müssen die eben belobten Erfinder der grammatischen Formen rechte Tröpfe gewesen sein, die nicht begriffen, daß man ja alles über einen Leisten schlagen und mit dem Imperfekt als alleinigem, universellen Präterito auskommen könne: und gar die Griechen, welche, an drei Präteritis nicht genug habend, noch die beiden Aoriste hinzufügten, wie einfältig müssen diese ihnen vorkommen! Ferner schneiden sie eifrig alle Präfixa weg, als unnütze Auswüchse, werde aus dem, was stehnbleibt, klug, wer kann! Wesentliche logische Partikeln wie „nur, wenn, um, zwar, und“ usw., welcher über einen ganzer Periode Licht verbreitet haben würden, merzen sie zur Raumersparnis aus, und der Leser bleibt im dunkeln. Dies ist jedoch manchem Schreiber willkommen, der nämlich absichtlich schwer verständlich und dunkel schreiben will, weil er dadurch dem Leser Respekt einzuflößen vermeint, der Lump! Kurs: sie erlauben sich frech jede grammatikalische und lexikalische Sprachverhunzung, um Silben zu lukrieren. Endlos sind die elenden Kniffe, deren sie sich bedienen, um hie und da eine Silbe auszumerzen, in dem dummen Wahn, dadurch Kürze und Gedrungenheit des Ausdrucks zu erlangen. Kürze und Gedrungenheit des Ausdrucks, meine guten Schafsköpfe, hängen von ganz andern Dingen ab als vom Silbenstreichen und erfordern Eigenschaften, die ihr sowenig begreift wie besitzt. Dafür nun erfahren sie keinen Tadel; vielmehr ahmt ein Heer noch größerer Esel als sie ihnen alsbald nach. – Daß die besagte Sprachverbesserung große, allgemeine, ja fast ausnahmslose Nachfolge findet, ist daraus zu erklären, daß Silben, deren Bedeutung man nicht versteht, wegzuschneiden gerade so viel Verstand erfordert, wie der Dümmste hat.

Die Sprache ist ein Kunstwerk und soll als ein solches, also objektiv genommen werden, und demgemäß soll alles in ihr Ausgedrückte regelrecht und seiner Absicht entsprechend sein, und in jedem Satz muß das, was er besagen soll, wirklich nachzuweisen sein, als objektiv darin liegend: nicht aber soll man die Sprache bloß subjektiv nehmen und sich notdürftig ausdrücken, in der Hoffnung, der andere werde wohl erraten, was man meine; wie es die machen, welche den Casum gar nicht bezeichnen, alle Präterita durch das Imperfekt ausdrücken, die Präfixa weglassen, usw. Welch ein Abstand ist doch zwischen denen, die einst die Tempora und Modi der Verba und die Casus der Substantiva und Adjektiva erfunden und gesondert haben – und jenen Elenden, die dies alles zum Fenster hinauswerfen möchten, um, sich so ungefähr ausdrückend, einen ihnen angemessenen Hottentottenjargon übrigzubehalten! Es sind die feilen Tintenkleckser der jetzigen an allem Geist bankrotten Literaturperiode.

Die Sprachverhunzung, von Zeitungsschreibern ausgehend, findet bei den Gelehrten in Literaturzeitungen und Büchern gehorsame und bewundernde Nachfolge, statt daß sie wenigstens durch ihr entgegengesetztes Beispiel, also durch Beibehaltung des guten und echten Deutsch der Sache zu steuern suchen sollten: aber dies tut keiner, keinen einzigen sehe ich dagegen stemmen; kein einziger kommt der vom niedrigsten literarischen Pöbel mißhandelten Sprache zu Hilfe. Nein, sie folgen wie die Schafe und folgen den Eseln. Das kommt daher, daß keine Nation so wenig wie die Deutschen geneigt ist, selbst zu urteilen (to judge for themselves) und danach zu verurteilen, wozu das Leben und die Literatur stündlich Anlaß bietet. (Vielmehr vermeinen sie, durch eilige Nachahmung jeder hirnlosesten Sprachverhunzung zu zeigen, daß sie „auf der Höhe der Zeit stehn“, nicht zurückgeblieben, sondern Schriftsteller nach dem neuesten Schnitt sind.) Sie sind ohne Galle wie die Tauben: aber wer ohne Galle ist, ist ohne Verstand; dieser gebiert schon eine gewisse acrimonia, die im Leben, in der Kunst und Literatur notwendig tagtäglich den innerlichen Tadel und Hohn über tausend Dinge hervorruft, welcher eben uns abhält, sie nachzumachen.

Schließlich verweise ich den Leser auf das im zwölften Kapitel des zweiten Bandes meines Hauptwerks Gesagtes.

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